Wann werden wir wieder bescheiden?

Als Nichtökonom sollte man in diesen Wochen den Wirtschaftsteil der Tageszeitungen vor dem Feuilleton lesen. Müßig, hier einzelne Aspekte der verschiedenen Analysen von altlinken Vergesellschaftungsphantasien bis zum radikalen Scharfsinn Hans-Werner Sinns zu wiederholen. Bei aller Verschiedenheit der Deutungen und Urteile sind die grundsätzlichsten Sachverhalte des Phänomens der multiplen Krise Zeitungslesern bekannt.

Beeindruckend zunächst, wie richtig der sogenannte gesunde Menschenverstand in seiner tiefen Skepsis gegenüber dem Euro lag, der, versehen mit allerlei Autoritätsbeweisen und aufgeladen mit Völkerverständigungspropaganda, obrigkeitsstaatlich durchgesetzt wurde. Ganz im Gegensatz zu den vorgehaltenen Erwartungen stellt er die Nationen mittlerweile eher gegeneinander, als daß er sie „integrieren“ würde. Integrierbar mögen Zahlen sein, Kulturen aber entstanden in eigenständiger Vielfalt und können durch Angleichung nur vernichtet werden.

XXXL-Übermaß eines Überflußhedonismus nährt die Krise

Was mir nach Kenntnis des bisherigen Krisenverlaufs und in Erwartung der insgesamt negativen Prognosen erklärt werden müßte: Wie denn kann mittels überkommener demokratischer Regularien eine Krise überwunden werden, deren Ursache im engeren Sinne zwar der politisch hofierte „Finanzkapitalismus“, im weiteren aber das allgemeine XXXL-Übermaß eines Überflußhedonismus ist, der weitgehend alle angeblich mündigen Bürger respektive Konsumenten einschließt, die als bislang wohllebende Verbraucher eher Teil des Problems als der Lösung sind?

Die alles und jeden in ihren Excel-Tabellen listende Wirtschaft hat Nationen wie Bürger auf Verrechnungsgrößen reduziert, und so ist obligatorisch jeder zum Passagier auf dem sinkenden Schiff geworden, indem tatsächlich jeder beteiligt ist, wenn es um die Verwirklichung obsessiver und nach oben offener Wachstumsphantasien geht. Man muß wohl aus dem Mangelmilieu der DDR kommen oder sehr, sehr alt sein, um etwa das Überangebot der Waren und die permanente Verfügbarkeit aller Konsumartikel und Dienstleistungen fragwürdig finden zu können.

Simpler: Wie will ein System, das ethisch wie politisch auf den Utilitarismus, also das vordergründig oral aufgefaßte „Glück der größtmöglichen“ Zahl setzt, etwas klären, was nur über die dezisionistische Setzung veränderter Prinzipien klärbar wäre, die zwar objektiv wirklich „alternativlos“, subjektiv allerdings kaum „vermittelbar“ sind – schon gar nicht über „Reden und Majoritätsbeschlüsse“.

Staatsbürgerpflicht: Jährlicher Neuwagenkauf

Die im Kalten Krieg befestigten Demokratien Westeuropas funktionierten im Wohlstand – ob real erwirtschaftet oder real subventioniert – recht ordentlich, wobei Wohlstand, dieser pauschale und kleinbürgerliche Begriff, kaum je problematisiert, sondern durchweg als größter Konsens gutgeheißen wurde, während konservative Tugenden wie das Maßhalten zunehmend als lächerlich galten.

Selbst der schon dem Untergang geweihte DDR-Sozialismus plakatierte in den Achtzigern lächelnde Arbeitergesichter mit dem Motto „Ich leiste was – ich leiste mir was!“ und folgte damit, wenngleich wie in einer Karikatur, der Maxime des Westens: Konsumiert, Leute! Nur so sichert ihr Wachstum! Mit Altkanzler Schröder: Staatsbürgerlich verantwortungsvoll handelt, wer jedes Jahr einen Neuwagen kauft, besser noch zwei.

Was aber, wenn das hypertrophe Wachstum im Produzieren, Verwerten, Verbrauchen, Aneignen, im medialen Sensationalismus und im Ressourcenverschleiß, wenn also all diese Blasen platzen und Korrekturen anstehen, die mit der Unerbittlichkeit der Wirtschaftsmathematik beginnen und in politischer Neugestaltung enden. Ein solcher Zustand der Totalverfahrenheit jahrzehntelanger Über- und Fehlentwicklung sollte demokratisch regulierbar sein? Wähler sollten aufgeklärt einen Verlust ihres bisher gewohnten Lebenskomforts legitimieren?

Der Erfolg wird allein an den Saldi gemessen 

Bisher wird Geld verteilt, zunächst jenes der noch starken Geber an die schon dauergeschwächten Nehmer, und es werden papierne Wechsel auf eine Zukunft ausgestellt, die einer so hohen Ertragserwartung nicht gerecht werden kann – mit der Folge, daß bereits Kürzungen kultureller Ausgaben und die Einbuße längst gewohnter Sicherheiten anstehen. Und dann? Schlägt dann wieder die Stunde der Ideologien und ihrer charismatischen oder pseudocharismatischen Führer, die Mustern des frühen zwanzigsten Jahrhunderts folgen – nur auf kommunikationstechnisch höherem Propaganda-Niveau? Wieviel Entfremdung, kulturellen Stumpfsinn, geistige und materielle Degeneration läßt ein Gesellschaft zu – bevor sie wieder marschieren, die Fasces und die Rotfrontkämpfer, all die Bünde und Staffeln revolutionären und reaktionären Selbsthilfe? – Zu apokalyptisch vorgestellt? Mitnichten. Gesellschaften sind nun mal keine Excel-Tabellen. Auf dramatische Veränderungen werden sie dramatisch reagieren. Bleibt die Hoffnung, daß eine Art kultureller Wende umsteuernd ausreicht.

Wird der Mensch in der Krise zurückgeworfen bzw. gesundgeschrumpft von der King-Size-Hybris des Globalisten auf handhabbaren Formate wie Heimat, Nation und neue Bescheidenheit, die statt der Überforderung in der Inflation des Quantitativen wieder die Wertschätzung von Qualität des einfach Guten ermöglicht? Schwierig. Vom Vielflieger zum Radfahrer? Unwahrscheinlich.

Deutschland ist – kurioserweise maßgeblich durch die Agenda-Politik der letzten rot-grünen Regierung – „fit gemacht“ für den Markt. Das klingt sportlich und war so schmerzlich wie erfolgreich, aber diese Fitneß im Produzieren und Konsumieren ist nicht alles. Sie mißt Erfolg allein an den Saldi – um den Preis, national gewachsene Kultur einzubüßen, und im „Outsourcing“ das verhökern, was besser nie veräußert werden sollte, ganz so, wie Wilhelm Hauffs Kohlenmunk-Peter sein Herz besser bei sich behalten hätte, als es dem Holländer-Michel zu vermachen.

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