Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Innenansichten

Deutschlands Botschafter in Washington war empört. Es handele sich um „einen neuen Versuch der Hetzpropaganda“, der mit den „Mitteln einer anscheinenden Objektivität und Sachlichkeit“ arbeite, schrieb er nach Hause. Gemeint war der damals neue Film „Inside Nazi Germany“, der 1937 verdeckt in Deutschland gedreht wurde und 1938 landesweit in den Vereinigten Staaten lief, als Teil der damals akuten Kriegshysteriekampagne gegen das Deutsche Reich. Zwar hatte der Regisseur in Deutschland offiziell drehen und das ganze Land bereisen dürfen, das unzensierte Material dann aber auf subtile Weise verfremdet.

Jetzt wäre die Bundesrepublik des Jahres 2012 ja nicht ganz bei sich selbst, wenn dieser Film nicht auch am vergangenen Dienstag zur guten Sendezeit im angesehenen TV-Kanal zu sehen gewesen wäre, in diesem Fall bei Arte, und vorher von den großen Printmedien auch eigens angekündigt worden wäre, auf daß er vom Publikum nicht übersehen werde.

Genaugenommen lief allerdings nicht der Film selbst, sondern eine Bearbeitung des Materials durch Spiegel-TV-Mann Michael Kloft. Das konnte unter mindestens zwei Aspekten ein interessantes Experiment werden. Zum einen von der informativen Seite: Die Propaganda der dreißiger Jahre arbeitete auf allen Seiten weniger mit Falschbehauptungen als mit Tatsachen, die allerdings entsprechend ausgewählt und einseitig präsentiert wurden. Wer das zur Kenntnis nimmt und distanziert prüft, kann manch überraschende Entdeckungen machen. Zum anderen sind Propagandafilme immer ein Spiegelbild, das indirekt die Erwartungen zeigt, die damals populäre Journalisten beim Publikum ausgemacht haben wollten.

Verharmlosung des stalinistischen Terrors

Der Film lieferte unter beiden Aspekten Bedenkliches. Neben interessanten Aufnahmen konnte man noch einmal einen zentralen Inhalt der damaligen inneramerikanischen Öffentlichkeitsarbeit beobachten: das groteske Mißverhältnis in der Präsentation von NS-Deutschland und der UdSSR. Das US-Publikum sollte glauben und glaubte es Umfragen zufolge bereits Mitte der dreißiger Jahre mit überwältigender Mehrheit, daß die Sowjetunion ein demokratisches Land sei, das von Deutschland bedroht werde. Nicht weniger als 83 Prozent der repräsentativ Befragten sagten bereits im November 1938 einen Sieg der Sowjetunion über Deutschland vorher – in einem Krieg, an dem natürlich die Deutschen schuld sein sollten.

Klofts Bearbeitung wiederholte diesen Aspekt noch einmal ohne jede Distanz. Goebbelsche Propaganda versuche die UdSSR als verbrecherisch darzustellen, war unkommentiert, aber mit kritischem Unterton zu hören. Nun wurden 1937, dem Jahr, in dem der Film gedreht wurde, in der UdSSR unfaßbare 700.000 Menschen erschossen. Wie konnte bloß jemand darauf kommen, dies sei ein verbrecherisches System?

Kloft kommt jedenfalls nicht darauf. Solche Aspekte bleiben dem deutschen Publikum 2012 ebenso vorenthalten wie dem US-Publikum 1938. Kloft rückt statt dessen einen Trupp deutscher Männer ins Bild, die mit freiem Oberkörper ein Segelflugzeug in die Lüfte ziehen. Jeder wisse, das sei eine Übung für den kommenden Krieg, wird kommentiert. So liefert der Film auch interessante Innenansichten über die Bundesrepublik, die künftige Historiker sicher gern für weiterführende Propagandaanalysen verwenden werden.

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