Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Heimkehr zum Hünengrab

In einer Fernsehsendung über Sizilien hat Joachim Fest einmal gesagt, die eigentliche Reise führe gar nicht an einen anderen Ort, sondern in eine andere Zeit. Ich kann ihm nur lebhaft zustimmen – ich verreise daher auch selten freiwillig an Orte, wo ich mich weiterhin in unserer gegenwärtigen „urbanen Zivilisation“ bewegen muß, sondern lieber dorthin, wo eine – möglichst ferne – Vergangenheit spürbar präsent ist.

Besonders häufig ist dies, auch noch bei uns, auf Inseln oder in Gebirgen der Fall, wenn man sich auf Wege abseits des Massentourismus begibt. Archaische Bräuche, traditionelle Mentalitäten oder regionale Bauformen sind in abgelegenen Gegenden verständlicherweise eher anzutreffen als in Durchzugsgebieten oder an Flußläufen, die immer auch Handels- und Kommunikationswege waren.

Kürzlich verbrachten wir eine Woche auf Rügen, das nicht nur die aus der Kaiserzeit stammenden, einstmals mondänen – heute von dickbäuchigen Touristen in quietschbunten Bermudas und „Musselshirts“ überlaufenen – Seebäder oder seine berühmten Kreidefelsen, sondern, neben tiefen Wäldern, einsamen Stränden und reetgedeckten Häusern mit runenartigen „Hausmarken“, eine sonst kaum anzutreffende Fülle von Großsteingräbern zu bieten hat.

Das Faszinosum vorgeschichtlicher Bauwerke

Viele dieser jungsteinzeitlichen „Hünengräber“, die umgangssprachlich oft mit den späteren „Hügelgräbern“ der Bronze- und Eisenzeit – reinen Erdaufschüttungen ohne Steinsetzungen – verwechselt werden, sind in keinem Reiseführer verzeichnet und daher, von Bäumen und Sträuchern überwachsen, für den Laien kaum erkennbar, von anderen sind nur noch einzelne Steinbrocken erhalten.

Manche aber stehen noch beinahe so wuchtig in der Landschaft wie vor fünftausend Jahren: Die Tragsteine bilden das meist rechteckige, manchmal in sogenannte Quartiere unterteilte „Hünenbett“, in dem sich die eigentliche Grabkammer befand, und sind von abgeflachten Steinen bedeckt. Zwischen zwei „Wächtersteinen“ bildet ein finsterer, einst von einem „Türstein“ verschlossener Eingang das Tor zur Unterwelt, und darüber wölbt sich zuweilen noch ein aus Geröll und Erde aufgehäufter Hügel.

Das Faszinosum dieser vorgeschichtlichen Bauwerke ergibt sich aus einem Zusammenwirken verschiedener Aspekte vor dem jeweiligen landschaftlichen Hintergrund: Zuallererst gebieten natürlich die ungeheuren Dimensionen Ehrfurcht – einige Megalithanlagen, etwa in Skandinavien, Norddeutschland oder Polen, sind hundertfünfzig Meter lang, und auf manchen Dolmen Irlands oder Frankreichs liegen über hundert Tonnen schwere Decksteine, von denen noch immer nicht genau geklärt ist, wie sie in ihre Position gebracht werden konnten.

Megalithbauten verweisen auf eigenen kulturellen Ursprung

Die gewaltigen räumlichen Ausmaße, an denen sich große technische Fertigkeiten zeigen, die nicht recht zu unserem populären Bild von der Steinzeit passen, verweisen sodann auf eine zeitliche Ferne, die, soweit sie auch zurückliegt, uns plötzlich, gerade auch aufgrund der geographischen Lage der Megalithbauten, als unser eigener kultureller Ursprung erscheint: Er ist gleichermaßen nah und fern, wie es zum Wesen des Ursprünglichen gehört. Weder die Spuren der Neandertaler, die vor Zehntausenden von Jahren Europa durchstreiften, noch die Monumente zeitlich näherer, aber räumlich weiter entfernter Hochkulturen des Orients vermitteln eine ähnliche Erfahrung von Herkunft und Ur-Identität wie die Zeugnisse unserer heimischen Vor- und Frühgeschichte.

Wir wissen wenig über diese alten Hünengräber; nicht einmal ihre primäre Nutzung als Grabstätten ist völlig gesichert. Aufgrund zahlreicher Knochenfunde, die nicht die normale anatomische Anordnung zeigen, sowie der häufigen Brandspuren wird in der Forschung auch diskutiert, daß sie in erster Linie als Kultgebäude gedient haben könnten, womöglich viele Jahrhunderte lang. Man hat eben für die Ewigkeit gebaut und nicht Styropor an Gipswände geklebt.

Wer aber bei seinen Werken in Jahrtausenden dachte, hatte in gewisser Weise auch uns schon im Blick, wenn wir denn, am Ende unserer kurzen, „abendländischen“ Epoche angelangt, auf unsere Ursprünge schauen möchten. „Nur aus dem fernsten her kommt die erneuung“ (Stefan George).

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