Die Revolution wird Tradition

Während der Walpurgisnacht und am 1. Mai gab’s wieder Randale. „Der Druck steigt – für die soziale Revolution“, hieß es in Berlin Kreuzberg. In Hamburg war man der Meinung, daß es „keine Alternative zur Revolution“ gebe. Sinngemäß entsprechen diese Forderungen den Sprüchen der vergangenen Jahre. Und sie werden sich in den nächsten wohl nicht ändern.

Es ist überhaupt seltsam, wie traditionell und ritualisiert diese Randale jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt an denselben Orten stattfindet. Jährlich nehmen alle Beteiligten ganz brav ihre Rollen ein: Politiker, Journalisten, Polizisten, die wackeren „Sozialrevolutionäre“. Und natürlich die Straßenreinigung, die ist eigentlich am wichtigsten.

Für die „Revoluzzer“ kann man allerdings nur irgendwie hoffen, daß ihre Hauptmotivation der Adrenalinkick und die Lust auf Randale sind. Das entspräche zwar den Eigenschaften schlecht erzogener, unanständiger junger Männer, aber immerhin läge dem noch eine realistische Zweck-Mittel-Abwägung zugrunde: Viel Randale bringt viel Spaß. Das ist zwar nicht nett, aber logisch.

Stabilisierende Funktion der Sozialrevolutionäre

Wäre ihre Hauptmotivation tatsächlich eine „soziale Revolution“ oder der feste Glaube an die Wirksamkeit von Ritual-Krawallen, dann wäre ihre Einschätzung der Wirklichkeit wohl leicht aus den Fugen geraten. Denn es wäre wahnsinnig, jedes Jahr dasselbe zu versuchen, aber jedes Mal einen unterschiedlichen Ausgang zu erwarten.

Und sobald die Stadtreinigung in den Morgenstunden des 2. Mais ihren Job erledigt hat, dann ist von der sozialen Revolution ohnehin nichts mehr zu sehen. Und das jedes Jahr! Unter den Randalierern sind bestimmt ein paar ehrliche Leute, die zumindest ihrem persönlichen Empfinden nach hehre Ziele verfolgen. Wie schlimm das wohl sein muß, wenn sie bemerken, daß sie Teil einer Tradition geworden sind.

Darüber müßte man als wackerer „Sozialrevolutionär“ doch depressiv werden. Denn sie haben sich ins zu bekämpfende System stabilisierend eingegliedert: Die Medien haben ihren Hype, die Konsumenten haben ihr Feindbild, die Polizei bleibt in Übung, die Politik kann es in ihren Wahlkampf einbauen und die Leute von der Stadtreinigung … ach … wen interessieren angesichts einer sozialen Revolution schon die Arbeiter?!

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