Die Hybris des Feuilletons – Teil II

Wie vor zwei Wochen bereits angeklungen, gehörte der 6. Januar als „Selbstbeweihräucherungstag“ nicht allein dem Spiegel-Online-ABMler Georg Diez, der sich mit den (noch) relativ geordneten Verhältnissen in der BRD so fürchterlich langweilte. Nein, auch die laut Ellen Kositza „wohl kluge, aber strikt den Kategorien aktueller Meinungsmoden hingegebene Zeitgenossin“ Thea Dorn (recte: Christiane Scherer) durfte sich mal wieder über deutsche Verhältnisse äußern.

Sarrazin (mal wieder) aus dem Hut gezaubert

Bei ihr nahm dies aber die Gestalt eines Rufes nach der „deutschen Seele“ an, ohne die wir – man lese und staune! – „hilflos“ seien. In der Einleitung macht sie es sich nur allzu leicht: Einfältiges Herumgetrampel auf Thilo Sarrazin findet man dort, in süffisant-übertriebene Worthülsen gekleidet. Aufgemacht wird also der ganze Artikel, nach einer durchaus aufmerksamkeitserheischenden Überschrift, wiederum durch dasselbe Einschlagen auf ein totes Pferd, das wir schon bei der Diez-Kolumne gesehen haben.

Im Anschluß kommt Frau Dorn aber zu bemerkenswerten Schlüssen, die man vielleicht aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (wenn sie mal einen guten Tag hat) erwarten würde, aber keinesfalls aus der Zeit.

Löcher und Striche

So leuchtete ihr im Kontext des seinerzeit als Handreichung der Sarrazinschen Bildungskritik hergenommenen „Wandrers Nachtlied“ von Goethe nun plötzlich ein, daß die allfällige Unkenntnis über bedeutende kulturelle Werke in Wahrheit von einem „schwarzen Loch“ herrühre, das sich „in der Mitte unserer Gesellschaft“ gebildet habe. Und zwar rühre dies – um bei der gar nicht üblen Metapher vom Schwarzen Loch zu bleiben – sozusagen von der Implosion der deutschen Seele her.

Ursache dieser Implosion sei der alternative „Schlußstrich“ unter die deutsche Vergangenheit gewesen, diese von nun an als absolute Düsternis zu begreifen und gänzlich in den Kontext der Jahre 1933 bis 1945 zu setzen. So seien letztlich nur zwei Alternativen geblieben: Entweder die deutsche Existenz an sich mit einem ewigen Kainsmal zu versehen, oder aber die Nachkriegsgesellschaft ihres deutschen Aspekts zu entledigen. „Die Herausforderung, sich der deutschen Seele in all ihrer Komplexität zu stellen, ihre lichten, schönen Seiten ebenso zu erkunden wie ihre dunklen, häßlichen, wurde entweder mit einem Bann belegt oder als überflüssiger Firlefanz abgetan.“

Revolutionär ist anders

So weit, so uninteressant. Das, was Thea Dorn dort schreibt, ist nicht neu. Daß der von Sarrazin etwas unbeholfen vorgebrachte Verweis auf „Wandrers Nachtlied“ weniger mit Migranten und ihren genetischen Prädispositionen hinsichtlich Bildung zu tun hat, als vielmehr mit dem völlig ziellosen deutschen Bildungssystem und seinen teils irrwitzigen Kanones, springt selbst dem völlig Unbedarften bei kurzem Nachdenken ins Auge.

Und daß die systematische Zertrümmerung der deutschen Identität nach der sogenannten „Befreiung“ Schäden im Volk hinterlassen hat, die sich kaum in Worte fassen lassen – welchem Leser dieser Internetseite hier ist das wohl nicht bewußt? Man vermag sich zwar nur unschwer vorzustellen, wie der durchschnittliche Zeit-Konsument auf diese Worte reagiert haben mag. Doch scheint es mehr als überstürzt, in Thea Dorn deshalb eine neue Galionsfigur auf der Kreuzfahrt für die Interessen der angestammten Deutschen zu sehen – oder auch nur eine Hoffnung.

Willfähriges Statisten-Publikum

Derartige Erwartungen an die Autorin, vielleicht wenigstens als Multiplikator dessen zu dienen, was in unseren Paria-Kreisen schon seit Jahrzehnten (!) ausformuliert und weiterentwickelt wird, sind eindeutig fehl am Platze – wenngleich aus einer gewissen Frustration heraus durchaus begreifbar. Daß sie eben nicht die Wirkung entfalten, die wünschenswert wäre, davon zeugt einmal mehr trefflich die Kommentarspalte der Zeit-Internetpräsenz. Was dort teilweise an Gedankenmüll abgesondert wird, dürfte so manches Vorstellungsvermögen glatt übersteigen.

Dennoch ist es beispielhaft für exakt die in Dorns Abhandlung geschilderte Grundeinstellung der Deutschen. Gewisse Reizworte sind gefallen – Zeit, mehr schlecht als recht auswendiggelernte Spitzfindigkeiten gegen „die Nazis“ vorzutragen. Thor von Waldstein hatte vollkommen Recht, als er (unter anderem) dieses zivilcouragierte, weil kybernetisch-anonyme Schreibgegeifer als „nachgerade pawlowsche Reflexe“ bezeichnete, die den Deutschen im Austausch gegen ihre „Seele“, wenn man bei Dorns Formulierung bleiben will, eingepflanzt wurden. In der Tat eine schöne, sich selbst beweisende These, Thea – doch hilft sie uns mit unseren unbestreitbaren Problemen kein Stück weiter.

Mit Eichendorff gegen deutsches Unwohlsein

Sicher, mit ihrer Klage über die Unfähigkeit der Deutschen, Gedenktage würdig zu begehen (Paradebeispiel: Mauerfall-Jahrestag 2009 – Dominotheorie einmal anders …), hat die Dame genauso Recht wie mit ihrer Geschichtsbild-Kritik. Das sind ja auch alles Dinge, die einen geradezu anspringen, wenn man sie denn nur sehen will. Thea Dorns Schlußfolgerung aus all dem ist dann aber wirklich der endgültige Knüller: Es läuft darauf hinaus, daß neben preußischen Tugenden und unsterblichen Künstlern es auch und vor allem „volkseigene Neurosen“ (N. W.) sind, die die verlorengegangene deutsche Seele prägen.

Nicht umsonst scheint sich der Begriff der „German Angst“ derart im englischen Sprachgebrauch festgesetzt zu haben. Letztendlich lesen sich ihre Ratschläge zu einer möglichen Gesundung der Volksseele, die sich – mit dem Titel eines „Preussak“-Liedes – auf „Vorwärts, zurück zur Literatur!“ zusammenkürzen lassen, wie eine Art Einschlafhilfe für den deutschen Michel. Den oftmals zu zögerlichen deutschen Michel – sei es beim „Durchbombardieren“ (ein Blaue Narzisse-Autor) Libyens oder beim Berappen seines Pflichtteils am Euro-Rettungsschirm. „Die leisen, genauen Töne sind es, die uns fehlen“: Schlaf, Michel, schlaf!

Ursache-Wirkungs-Prinzip erfolgreich verkannt

Aber: So nicht, Frau Scherer! Daß Sie es versäumen, an die tatsächlichen Wurzeln der „transzendentalen Heimatlosigkeit“ (Georg Lukács) des Deutschen an sich zu gehen, könnte man ihnen beinahe nachsehen. Dann nämlich, wenn man Ihnen die Bildungsproblematiken zugute hielte, die Sie selbst am Anfang Ihres Machwerks referiert haben. Das dazu notwendige Wohlwollen vergeht einem aber nur allzu schnell, wenn man das Kryptonym bedenkt, das Sie sich als Künstlernamen wählten: Selbstverständlich mußten Sie einen – wenngleich etwas platten – geistigen Knicks vor Ihrem ideellen Ziehvater machen.

Mit Ihren eigenen Worten: „Als eingefleischter Adornitin blieb mir doch kaum eine andere Wahl, als mich so bei Theo für seine erhellenden Geistesblitze zu bedanken.“ Immerhin orientieren Sie sich da ja am richtigen Mann, wenn es um die heutigen Agonien der deutschen Identität geht – schließlich war Herr Wiesengrund sozusagen ein Pionier auf diesem Gebiet. In diesem Sinne, Thea Dorn: Vielen Dank für die Erinnerung an Altbekanntes. Vielleicht schreiben Sie das nächste Mal statt dessen doch lieber wieder ein Tatort-Drehbuch, für das Sie der Feuilleton dann einmal mehr auf Händen durch die Bunte Republik tragen kann. Das wird bestimmt auch besser bezahlt.

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