Superwahljahr

 

Der Medien-Pirat

Greg Packer ist ein 48jähriger ehemaliger Bauarbeiter aus Huntington im Staat New York, der sich mit allem Möglichen befaßt – mit Lady Diana, Hillary Clinton und Whitney Houston, mit dem Papst, Football, Literatur oder Apple – wenn er damit in die Medien kommt. Dieses „universale Expertentum“ teilt er mit vielen anderen „Experten“, die jeden Tag etwas beschwatzen (als freier Journalist muß ich mich auch ein wenig in diese Kategorie einordnen). Einige von diesen sind zwar ursprünglich, wenn sie sich auch mittlerweile zu den verschiedensten Themen äußern, für irgendetwas mal Experten gewesen; meist aber erstaunt der treuherzige Glaube, daß Romanautoren, Showmaster, Fernsehpfarrer und Tatort-Kommissare etwas Bedeutsames über Kernkraft, Bundeswehreinsätze, Euro-Krise und Nahostkonflikt beizusteuern haben.

Eigentlich ist Greg Packer aber doch ein Experte, nämlich dafür, wie man ohne etwas zu wissen möglichst oft in die Medien kommt. Wäre er ein deutscher Politiker, hätten wir ihn früher bei den Grünen angetroffen und würden ihn heute in der Piratenpartei finden. Sein Erfolgsrezept besteht darin, früh aufzustehen, und wenn er ein Mikrophon vorgehalten bekommt, weil er scheinbar zufällig gerade da ist, genau das hineinzusprechen, was vom „Mann auf der Straße“ erwartet wird. Packers Karriere begann 1995 in der Tampa Tribune mit der gefälligen Äußerung, daß Papst Johannes Paul II. seine Botschaft nicht nur an Menschen seines Glaubens, sondern „an alle“ richte, und spätestens seit 2003 gilt er als feste Größe in der internationalen Medienlandschaft.

Ein herrlich gewöhlich aussehender dicker Mann

Obwohl es als höchst blamabel gilt, auf ihn hereinzufallen, und zahlreiche amerikanische Medien ihre Mitarbeiter anweisen, ihn weder zu interviewen noch zu photographieren, schafft es der so herrlich gewöhnlich aussehende dicke Mann mit Schirmmütze und Schlabber-T-Shirt immer wieder, durchzuflutschen – seine jüngsten Erfolge waren ein Interview mit der „New York Times“ über die Trauerfeier für Whitney Houston am 18. Februar sowie eine regelrechte „Pressekonferenz“, als er am 16. März zahlreichen Medien aus aller Welt Interviews über seinen Kauf des neuen iPad lieferte; fünf Tage und Nächte hatte er vor dem Apple Store in New York gewartet, um der Erste in der Schlange zu sein.

Interessanterweise sieht er seine so langfristig geplanten und geschickt durchgeführten „Medienauftritte“ nicht etwa als Ausdruck seiner Geltungssucht, sondern als kostenlose journalistische Dienstleistungen an; schließlich liefert er den Medien genau das, was sie suchen, nur eben nicht ganz „zufällig“.

Journalismus: Der Wirklichkeit auf die Sprünge helfen

Die Sorge zahlreicher Journalisten, der Dumme zu sein, der ihm schon wieder auf den Leim ging, ist daher nur bedingt nachvollziehbar. Wer sowieso nur Greg Packer sucht, wird ihn finden – und hat ihn eigentlich auch verdient. Wozu also die Aufregung? Wenn der Redakteur einer Mainstream-Radiosendung zu einem „umstrittenen“ Thema ein paar O-Töne braucht, schickt er seinen Praktikanten mit der Anweisung auf die Straße, zehn Stimmen einzufangen, davon vielleicht acht „gute“ – politisch erwünschte – Äußerungen von „Sympathieträgern“ (z.B. von jungen Frauen mit Migrationshintergrund) und zwei unerwünschte, „dumme“ von „bösen“ Pappkameraden. Manchmal muß auch ein kleiner Schein nachhelfen, um einen x-beliebigen Jugendlichen zum Grölen zu bewegen, wenn mal wieder der Typ „Nazi-Skinhead“ aus der „Ossi-Pampa“ gefragt und vor Ort – wen wundert’s? – partout nicht zu finden ist.

Greg Packer macht es wenigstens noch umsonst, aber das dürfte bald vorbei sein; auch andere „Hacker“ – er sieht sich als solchen, weil er sich in die öffentliche Aufmerksamkeit hinein „hackt“ – wurden klugerweise auf die Seite des Systems gezogen, indem man sie besoldete statt bekämpfte. In der Politik ist das eine übliche Gepflogenheit. Das klassische Beispiel sind die Grünen, von denen sich nur noch Menschen vorgerückten Alters vorstellen können, daß diese Partei bessergestellter keifender Tanten tatsächlich einmal als Oppositions- und Bürgerrechtspartei wahrgenommen wurde. Derzeit können wir den Prozeß der Simulation oppositioneller O-Töne bei der Piratenpartei beobachten. Überall hören, sehen und lesen wir Greg Packer, egal wie kritisch er sich gerade gibt.

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