Vom Schlachthaus zum Townhouse

Seit einigen Jahren erobern schmale Reihenhäuser, nach den Londoner „Townhouses“ benannt, die Mitte Berlins. Die FAZ sprach jüngst von einem „Marketingschlager“. Aber eine Townhouse-Reihe kommt selten allein, und mehrere Reihen nebeneinander ergeben eine Siedlung: eine kleine in sich geschlossene Ortschaft, einen Mikrokosmos aus Einfamilienhäusern mit eigener Lebenskultur. Berlin besitzt bereits mehrere dieser Wohn-Inseln, um „die Stadtflucht von Gutverdienern ins Umland zu stoppen und insbesondere Familien zurückzulocken“ (Focus).

Neben Townhouse-Siedlungen am Volkspark Friedrichshain und Friedrichswerder entsteht seit 2002 eine dritte an der Schnittstelle Friedrichshain/Prenzlauer Berg, auf dem Brachgelände des ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthofs. Die hermetische Neubauwelt inmitten von Altbauten und Mietskasernen (die Liebigstraße mit dem ehemals besetzten Haus Nr. 14 ist nur wenige Schritte entfernt) wurde sie von Anwohnern als Gentrifizierungsmaßnahme verstanden und bereits im Baustadium attackiert: Im Januar 2009 brannte ein Bagger auf der Baustelle, fünf Monate darauf flog ein Brandsatz in eines der neu errichteten Häuser.

Nicht nur das Hamburger Museum für Völkerkunde widmete den umstrittenen „Townhouses“ zu Beginn des Jahres eine Ausstellung. Auch Soziologen, Trendforscher und Theoretiker des Stadtlebens greifen zum Fernglas und beobachten diese Sozio-Biotope mit großer Neugier. Ihre Studien sind jedoch oft von Spott durchtränkt über sogenannte Bionade-Kultur und neuem Spießertum. Grund genug, diesen Sandkastenkrieg zwischen maklerischer Werbeprosa in Verkaufsbroschüren und feuilletonistischem Klassenkampf hinter sich zu lassen und dieses Viertel, das außer den Anwohnern kaum jemand betritt, einmal zu durchforsten. Schon nach den ersten Schritten sinkt der Lärmpegel.

Moderne Idylle mit nostalgischem Hintergrund

Mitten in Berlin eröffnen sich kleine Gassen, gesäumt von Häuserreihen aus zwei- bis dreietagigen Townhouses, mit großen Gärten oder kleinen Kiesstreifen. Die Gassen selbst sind fast menschenleer und kaum befahren. Umgeben ist die Siedlung von einem Park sowie Spiel- und Sportplätzen, große Wiesen trennen sie von der Autobahn. Ein altes Fachwerkhaus, von der Straße aus nicht weiter auffällig, gibt der modernen Idylle einen nostalgischen Kontrapunkt, der beim 18-Uhr-Geläut der Kirchenglocken den Höhepunkt erreicht.

Damit „Die Ruhe mittendrin“ (Werbeslogan der Townhouse-Siedlung) ungebrochen bleibt, sind Einkaufszentren bislang verbannt: Lediglich ein Eiscafé sowie ein Physiotherapie- und Meditationszentrum vertreten das Gewerbliche. Sogar die Kontraste von „schön“ und „häßlich“ scheinen aufgehoben. Beides gibt es hier nicht, weder in der Architektur noch bei den Einwohnern.

Die wenigen Personen, die einem über den Weg laufen, die Joggerin, die Fahrradfahrerin, das Paar mit Kind: Niemand ist auffallend hübsch, gar „aufreizend“ gekleidet, aber auch nicht nachlässig. Ebenso die Gärten und Häuser: Keine Spur von Exzentrik, als wolle man alle starken Emotionen, sei es Ekel, Ärger, Neid oder Begehren, radikal verbannen. So wirkt die Siedlung als großes Yogazentrum, als sozialistischer Staat, der ausnahmsweise mal Geld hat. 

Heimatgefühl und Drogenwirkung

Dieses Primat der Ruhe wird von den Anwohnern, im benachbarten Szene-Kiez, natürlich als „langweilig“ gebrandmarkt. Und während sie spotten, hängt ihnen ein Joint im Mundwinkel, der ja auch nur „Ruhe bringen“ soll. Sämtliche Metaphern für „entspannende“ Drogen: die Welt durch einen Filter (Isolierung) wahrnehmen, Abtauchen, die Seele wärmen – all das versucht auch die Townhouse-Siedlung architektonisch zu realisieren. Der Künstler Stefan Strumbel erkannte schon vor Jahren den Zusammenhang von Heimat – einem Raum jenseits alltäglicher Zerrissenheit – und Drogenwirkung.

Er vertrat die Ansicht, „daß Heimat die stärkste Droge der Welt ist. Jeder von uns strebt danach und ist ein Junkie. Ich habe die typischen Trachtenfrauen gemalt, die sich Kokain ziehen, die sich Heimat spritzen.“ Und wie bei toxischen Drogen kann auch die Atmosphäre der Townhouse-Siedlung temporär umkippen, in das Gefühl restloser Leere. Szene- und Townhouse-Bewohner verfolgen also auf äußerlich unterschiedlichem Wege oft das gleiche Ziel. Architektur als Droge: Das wär doch ein Motto für moderne Stadtplanung. Der vor genau zehn Jahren verstorbene Regisseur und Bühnenbildner, Einar Schleef, versuchte Theater als Droge zu definieren. Vielleicht sollte man mit den Kulissen der alltäglichen Lebens-Bühne ähnliches versuchen, zumal die aktuelle Architektur gegenteilig handelt: Sie treibt den Stadtbewohner geradezu in den Konsum von Antidepressiva.

Zurück zur Townhouse-Siedlung auf dem ehemaligen Zentralvieh- und Schlachthof. Es ist erstaunlich, daß die frühere Verwendung des Grundstücks in den Straßennamen fortbesteht. Die idyllischen Pfade tragen nämlich Namen wie „Zur Waage“, „Zur Börse“ oder „Viehtrift“. Hier war von 1881 bis 1989 Endstation für unzählige Tiere. Die Straßennnamen erzählen das Vergangene: Hier wurden sie gewogen, dort verkauft und hinterm Weg „Zum langen Jammer“ geschah, was Alfred Döblin in „Berlin Alexanderplatz“ (1927) so schaudererregend beschrieben hat. Kein Wunder: Döblin führte seine Arztpraxis nur wenige Minuten entfernt, an der Frankfurter Allee. Durch die beibehaltenen Weg- und Straßennamen aber bleibt dieser Schrecken gegenwärtig. Ein scharfer Kontrast zum Konzept des konfliktfreien Wohnens.

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