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McLuhans biochemische Biographie

Vor drei Jahren schrieb Douglas Coupland (Autor von „Generation X“) eine Biographie über den Medientheoretiker Marshall McLuhan. Zu dessen 100. Geburtstag im nächsten Monat erschien jetzt die deutsche Übersetzung. Herausragend ist sie in zweifacher Hinsicht: Einmal bietet sie ein literarisch hochkarätiges, plastisches Porträt des intellektuellen Exzentrikers.

Darüber hinaus fragt sie nach der Zukunft des Genre „Biographie“: Inwieweit muß eine Lebensbeschreibung, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen will, Resultate biologischer Forschung berücksichtigen? Also nicht alleine psycho- und soziologische Modelle, sondern auch neurobiologische und medizinische Erkenntnisse zur Anwendung bringen? Das verlangt zunächst eine Klärung, ob sich das Phänomen „Leben“ durch wissenschaftliche Resultate überhaupt adäquat beschreiben läßt. Inwieweit man eine „Bio-Graphie“ (Lebens-Zeichnung) aus der Biologie ableiten kann.

Der Körper schafft das Bewußtsein

Die körperliche Seite der Existenz findet Eingang in biographische Diskurse meist nur als ästhetisches Phänomen: War er schön oder häßlich? Oder in den Kategorien von „gesund“ und „krank“: Behinderte der Körper seinen Besitzer durch Verkrüppelung und Erkrankung? So berichtet der Altphilologe Wolfgang Schadewaldt in den populären „Legenden von Homer, dem fahrenden Sänger“ von dessen Erblindung, um daraus eine kompensatorische Fixierung auf das Sprachlich-Akustische abzuleiten. Ähnliche Kausalschlüsse zieht mancher Dostojewski-Biograph aus dessen Epilepsie, oder manch Marilyn Monroe-Biograph aus deren Tablettenkonsum.

Aber jenseits des Defizitären, Destruktiven versuchte Friedrich Nietzsche mit „Ecce homo“ frühzeitig eine (Auto-)Biographie, die neben Psycho-Sozialem auch Genetisches (Vererbung) und Biologisches (Ernährung) als Kausalfaktoren hervorhob. Freilich in einem polemischen Kontext: Die Körperfeindlichkeit christlicher Kultur, der Primat des Geistes sollte darin radikalen Widerspruch erfahren.

Neurobiologische Komponente biographischen Schreibens

Douglas Coupland radikalisiert nun diesen Ansatz: Mithilfe von Assoziationstexten und Zitaten, aus Schriften McLuhans und seiner geistigen Mentoren (G. Chesterton, Alfred N. Whitehead) entnommen, zeichnet er seinen „Helden“ und dessen Theorien als Bestandteil geistiger Netzwerke. Was zu McLuhans intellektueller Vorwegnahme des Internets durchaus paßt. Vor allem aber bezieht Coupland die neurobiologische Komponente ins biographische Schreiben ein:

So wird am 21. Juli 1911 nicht etwas Marshall McLuhan geboren, sondern „Marshalls Körper erblickte die Welt am 21. Juli 1911 in Edmonton, Alberta.“ Natürlich kann ein Körper nichts erblicken, nur das Subjekt „in ihm“ und mit seiner Hilfe. Weiterhin: 1934 endlich „war Marshalls Gehirn soweit verknüpft und er selbst viel geselliger als in seiner Jugend.“ Hier wird „er selbst“ vom Körperlichen (Gehirn) wiederum getrennt.

Übersetzungszone zwischen Geist und Materie liegt im Dunkeln

Außerdem war Marshall McLuhans leidenschaftliche Religiosität „nicht nur eine Frage der Erziehung – die Frömmigkeit und der religiöse Impuls werden teilweise auch vom limbischen Gehirn gesteuert. Da es sich sich hier um einen neurostrukturalen Zusammenhang handelt, ist diese Eigenschaft vererbbar.“ Hier also harmonisches Zusammenspiel zwischen Sozialem und Biologischem?

Man merkt, wie holprig die Sprache wird, wie unentschlossen, wenn sie beide Seiten des Lebens, das Wechselspiel zwischen Physis und Geistig-Seelischem beschreiben will. Eben weil der Übergang, die „Übersetzungszone“ beider Bereiche, restlos im Dunkeln liegt. Trotzdem hofft Coupland auf künftige Ablösung des biographischen Erzählens durch „Pathographien“, die „Geschehen“ und „Biologie“ in Einklang brächten. 

Ontologischer Riß im modernen Menschenbild

Eins würde solch ein „pathographischer“ Einklang auf jeden Fall zeigen: Je mehr sich Schilderungen beider Seiten – der physischen wie der psychischen – einander annähern, ohne ihren Umschlagplatz preiszugeben, desto deutlicher zeigt sich der „ontologische Riß“ im modernen Menschenbild. Den kaschiert man durch Postulate, daß Geist und Materie „irgendwie“ identisch seien, ohne Beweis und der Möglichkeit eines konkreten Nachvollzugs.

In früheren Zeiten wurden beide Seiten durch ein übergreifendes Drittes zusammengefügt. Dieses Dritte war zumeist spiritueller Natur und durch poetische Begriffen wie „Schicksal“ angedeutet. Beispielsweise hob der Philosoph Spinoza  den Körper-Geist-Dualismus auf, in dem er beide zu Attributen einer göttlichen Ursubstanz erklärte. Eine solche biographische Poetik aber scheint heute nicht mehr möglich. Jene Schnitt- und Übergangsstelle zwischen Seele und Körper, die Existenz erst ermöglicht, deren Kenntnis erst zum ganzheitlichen Verstehen befähigen würde, bleibt verborgen. So führt Couplands Ansatz ungewollt in eine Sackgasse, die ihn selbst in Sprachverwirrung treibt.

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