Mahnwächter und Kerzenhalter

Weshalb verspüre ich eine solche Abneigung gegenüber den sich sehr ernst nehmenden politischen Mahnwachen der Linken und Ökos, die seit der Anti-Atomkraft- sowie Friedensbewegung West und der sogenannten „friedlichen Revolution“ Ost zum festen Ritual der selbsterklärten Menschen-, Freiheits- und Naturfreunde gehören?

Ich empfinde diese Versammlungen von Kerzen haltenden Betroffenen, die mit dräuendem Präsenzgebaren ihren Unmut ausdrücken, als unangenehm. Dabei gelten solche Veranstaltungen im öffentlichen Raum als Muster von Zivilcourage in der Jung-BRD, ob es nun um AKW-Abschaltungen, Friedensforderungen, bedrohte Völker oder irgendwelche Ernährungsfragen geht. Letztens kam der hysterische Schrei nach Kraftwerksstillegung lange vor einer Solidaritätsbekundung mit den leidenden Japanern!

Wohlfeiles Freilufttheater ohne Mut und Risiko

Vermutlich ödet mich an, daß es sich dabei um wohlfeiles Freilufttheater handelt: Es braucht dazu gerade keinen Mut, es besteht keinerlei Risiko, und vermutlich macht sich kaum jemand etwas daraus, nicht mal die Adressaten des Protests. Zu wenig Leidenschaft, schon gar keine Militanz, statt dessen artige Bürgerlichkeit mit intellektuellen Akzenten und ein bißchen Satire-Witzigkeit. Diese Happenings der Dauerethiker, Vollwertkostler und am eigenen Gewissen so Satten dienen wohl eher der Selbstvergewisserung einer politisch narzißtischen Rechthabergemeinde im Schulsprechergestus.

Ferner stören mich die pauschalen Botschaften: Atomkraftwerke sind grundsätzlich todbringend, so wie Mubarak und Gaddafi – in Abziehung von aller Historizität – rundweg als perverse Schlächter ihres Volkes gelten. Andererseits finden es die Sozis, Grünen und Ex-Pazifisten nur gerecht, daß der Selbstprofilierer Sarkozy sich nun endlich für seinen ersehnten Krieg vordrängeln darf, symbolisiert er doch mit seiner Grande Nation die Menschen- und Bürgerrechte, die Demokratie und westliche Werte. Die Freiheit! Was immer das sein mag.

Jedenfalls steht er für das, was so gut ist, wie AKWs und arabische Potentaten nur schlecht und böse sein können. Wem fallen da schon noch der Terror französischer Fallschirmjäger und Fremdenlegionäre im Algerienkrieg 1954 bis 1962, die damaligen Folterungen und Massaker und die französischen oberirdischen Atombombentests in der algerischen Sahara ein, an denen allein 30.000 Menschen erkrankten und viele starben.

Demokratie-Heilsarmee ließ Serbiens Tragödie kalt

Vor ein paar Jahren galt den Kerzenhaltern Serbien als postkommunistischer Terrorstaat, die UCK-Mafiosi aber als romantische Freiheitskämpfer. Die rot-grüne Bundesregierung von Schröder-Fischer-Scharping ließ, gedeckt durch die NATO, nicht mal durch die UNO, Belgrad, Novi Sad und andere Städte kaltblütig bombardieren, damit der „Freiheit“ des Kosovo zum Recht verholfen werde.

Anlaß bot ein vermeintliches Massengrab, das Zivilisten bergen sollte, was sich später als Lüge erwies, denn es handelte sich dabei um UCK-Aktivisten. Daß unter NATO-Feuerschutz eine Clique von halbkriminellen Islamisten einen Separatstaat errichten konnte, interessierte die Demokratie-Heilsarmee ebensowenig wie die Tragödie Restjugoslawiens bzw. Serbiens.

Ich finde, sich an Kerzen festzuhalten ist kein Widerstand. Es ist politesoterisches Getue, Pseudoaktion, korrekte Warmduscherei, Pennälergeeier. Mehr noch, ich glaube – als Zeitzeuge damals in Leipzig vor Ort – noch nicht mal an die „friedliche Revolution“ in der DDR, obwohl man dort vor Kerzen kaum treten konnte. Was damals geschah, das größte Volksfest, begleitete die Implosion eines Staates und führte in eine beeindruckende Restauration, die die meisten toll fanden, weil man mit der D-Mark endlich Turbokonsument werden konnte.

Kerzenschein und Spruchbänder retten Europa nicht

Zwanzig Jahre marktwirtschaftlicher Aufschwung bei ideellem Stillstand. Daß als Nebeneffekt das Glück der Einheit eines 1945 in Potsdam geschrumpften und 1949 bzw. 1961 geteilten Vaterlandes dabei herauskam, ist mehr der moribunden Schwäche der Sowjetunion und dem strategischen Interesse der alten Westmächte an einem NATO-Vorschub zu danken, außerdem einer geschickt agierenden Bundesregierung als den Kerzenanzündern, die schon damals wenig riskierten, nach dem 9. Oktober und der Leipziger Erklärung schon gar nichts mehr.

Und was unsere Gegenwart bzw. jene der unseligen EU und des „Euroraumes“ betrifft, so gilt wohl mit Rückgriff auf Bismarck: Nicht im Kerzenschein und mit Spruchbänder werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern …

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