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Karl Kraus und der Katholizismus

Karl Kraus erfährt ein stilles Comeback: Jüngst erklärte Die Zeit ihn zum notwendigen Anheizer einer Gegenwart, der die Kraft zum Aufschrei fehle: „Empört euch!“ – mit Karl Kraus. Was Stefan Hessel mit seinem Pamphlet trotz Verkaufserfolg nicht gelang, das könnten saftige Zitate des konservativen Zeitkritikers schaffen.

Allerdings ist diese neuerliche Beerbung Bestandteil einer Wirkungsgeschichte, die Kraus als säkularen Aufklärer versteht. Eine Verkürzung, deren Höhepunkt im „Karl Kraus-Preis“ der Zeitschrift Konkret bestand. Deshalb sei hier an den hundertsten Tag seiner Taufe erinnert. Richtig gelesen, der alte Ätzer und Spötter konvertierte am 8. April 1911 zum Katholizismus, in aller Stille. Ein purer Protestakt, wie mancher Biograph nahelegt? Aus Sorge über den Zusammenbruch abendländischer Kultur?

Ein Christ aus Notwehr

Dafür spräche zumindest folgendes Zitat: „Viel ist nicht zu retten, aber eine Befestigung des konservativen Willens könnte noch dieser und der folgen den Generation Luft schaffen, und würdelos wie sie gelebt hat, stirbt die Kultur nicht, wenn sie den Priester kommen läßt. Die durch Verbreitung des Wissens bewirkte Geistesschwäche verlangt die Vormundschaft, auch wenn ihre politischen Mißbraucher ihr Selbständigkeit und Haß gegen jede Führung einimpfen. (…) Die Aufklärung, die alles aufklärt, was ihr verschlossen bleibt, lehre uns den Inhalt der Finsternis lieben. Seid Christen aus Notwehr! Glaubet an die Kraft, wo sich die Schwäche analytisch rächt, an Seele, wo nicht Raum ist für Psychologie! Salbt euch mit den Vorurteilen, deren Wunderkraft die Urteilsfähigkeit bezweifelt. Geweiht sei jedes Wasser, von dem die Wissenschaft sagt, es sei H2O mit Bazillen. Der Säbel, der ins Leben schneidet, habe recht vor der Feder, die sich sträubt. (…) Gott, wo bist du!“

Karl Kraus, ein Christ aus Notwehr? Ein Glaube des Als-ob? Der zwölf Jahre später vollzogene Austritt scheint das zu bestätigen. Dessen Gründe lauteten: Die Kirche hatte sich für den Ersten Weltkrieg starkgemacht und eine Glaubensstätte (den Salzburger Dom) für Festspielspektakel („Jedermann“) zur Verfügung gestellt. Ergo, der Katholizismus versagte als kulturkonservatives Bollwerk. Und doch sind solche „Gründe“ bloß Symptome einer tiefer reichenden Differenz. Ähnlich wie Leon Bloy war Kraus zu authentisch, zu radikal, ja, zu „christlich“, um glaubwürdiges Mitglied gesellschaftstragender Institutionen zu sein.

Selbsttreue nur bei Außenseitern zu finden

Zu gut wußte der Wiener Publizist, daß solche Selbsttreue nur bei sogenannten „Außenseitern” zu finden war: Bei dem Philosophen Otto Weininger, der sich 23jährig erschoß, und mit „Geschlecht und Charakter“ (1903) ein Monument existenzieller Qual hinterließ. Bei dem Dramatiker August Strindberg, der sein Leben als Experimenten-Serie gestaltete, was ihn im Wahn enden ließ. Bei dem Dichter Frank Wedekind, für dessen „Lulu“-Drama er sich einsetzte – zu einer Zeit, als selbst ein Georg Simmel das Aufführungsverbot befürwortete. Oder beim zerrütteten Kaffeehaus-Poeten Peter Altenberg.

Dagegen ekelte sich Kraus vor der Hetzsprache der Presse, dem Kriegstreiben damaliger Politik, vor Heuchelei und Doppelmoral, die er im Sexualstrafrecht, der Psychiatrie und Psychoanalyse unermüdlich geißelte. Die Frau galt ihm als Femme fatale à la „Lulu“, das endlich aus dem Konventions-Korsett befreit werden müsse. Eine Ansicht, die ihm damals das Bürgertum, heute Feministinnen und Gender-Apologeten verübel(te)n.

Zwischen den Stühlen

Auch sein Ausspruch, der Kommunismus sei eine ideologische Katastrophe, die niemand realisieren dürfe, aber als ständige Drohung die „Unverschämtheit der Reichen“ in Schach halten könne, setzte ihn zwischen alle Stühle. Um freie Rede zu genießen, gründete Kraus seine Zeitschrift Die Fackel, bald schon Ein-Personen-Schlachtschiff gegen den Rest der Welt.

All das verrät strukturelle Ähnlichkeit zwischen „Fackel-Kraus“, wie man ihn damals nannte, und jenem Religionsstifter, der seinerzeit ein Geächteter war, die damaligen Gesellschaftsträger in Grund und Boden kritisierte, absolute Authentizität forderte und sich deshalb den sprichwörtlichen „Zöllnern“ und „Prostituierten“ zuwandte. Und schließlich die Urfrage der Verzweifelten ausstieß, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, von Kraus zu „Gott, wo bist du!“ verkürzte.

Dem Katholizismus nahestehend

Kein Mißverständnis: Es geht nicht darum, Karl Kraus als zweiten (oder dritten) Christus zu präsentieren. Vielmehr steht er beispielhaft für jene Radikalität, die sofort an den sozialen Rand treibt, mag sie Jesus, Buddha, Franz von Assisi, Dostojewskis „Idiot“ oder eben Kraus vertreten. Tucholsky schien diesen „heiligen Zorn“ zu spüren, als er 1920 einer Kraus-Lesung beiwohnte, ihn als „rauchlos helle Flamme“, pries, die sich „selber treu“ bleibe. Aus Kraus „schrecklichen, unerbittlich grausamen Schriften stieg jener Klang auf, der entsteht, wenn ein blutiges Kreuz mit der Welt zusammenstößt – aus jeder Zeile ruft: ,Wie weit habt ihr euch von Güte und Liebe entfernt!‘“ Unbestechliche Selbsttreue, blutiges Kreuz: Niemand ist dem katholischen Kraus so nahgekommen wie Tucholsky.

Wenn Authentisch-Menschliches im Widerspruch zu jeder Gesellschaftsform steht, weil Organisation von Masse über Betrug, Lüge und Verstellung läuft – dann kann „christliche Kultur“ die Botschaft ihres Gründers nur in homöopathischer Dosierung transportieren. (Buddhisten und anderen Religionen geht es da nicht besser.) Jeder, den wahre Selbstliebe zur Selbsttreue zwingt, endet als Einzelkämpfer. Zumindest wird er nicht mehr gekreuzigt. Die Zivilisation macht offenbar doch Fortschritte.

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