Eichingers Tierpark des Extremen

Ein rundum gelungenes Leben, möchte man meinen. Selbst der Sensenmann arbeite für Eichinger mit maximaler Effizienz: Kein Siechtum, keine Ängste, keine Schmerzen: Herzinfarkt und aus. Zugegeben, heutzutage ist Sterben mit 61 Jahren ein wenig voreilig. Aber wieviele trifft‘s noch früher, nach einem wesentlich schlechterem Leben! Also, alles in Butter – könnte man meinen, ließe das Werk nicht soviele Fragen offen: Gut versteckt hinter kommerzieller Ästhetik, läßt es nämlich tiefen Ernst, Angst und existenzielle Suche erahnen.

Natürlich wußte Eichinger, daß in der Evolution „das Gesetz vom Überleben des Mittelmäßigsten” (P. Sloterdijk) gilt, Anpassung also oberstes Gebot ist. Da ließ er sich auch von kunstfixierten Rezensenten nicht reinquatschen. Vor 30 Jahren nach seiner Meinung über Kritiker befragt, antwortete er mit dem Oscar-Werner Zitat: „Mit Eunuchen kann ich nicht über die Liebe reden.”

Diese gegenseitige Ignoranz hält bis heute: In den zahlreichen Nachrufen fehlt jegliche Werkinterpretation, stattdessen lauwarm Versöhnliches. Eichinger sei viel mehr als ein grinsender Boulevard-Zombie gewesen, der „erfolgreichste Produzent” in deutscher Nachkriegszeit nämlich, und ein wahrer Freund, wie gerührte Mitarbeiter gestanden.

Erste Lorbeeren im Neuen Deutschen Film

Dabei war fast vergessen, daß Eichinger seine ersten Lorbeeren als Produzent im Neuen Deutschen Film erwarb. Streifen wie „Falsche Bewegung” (R: Wim Wenders, 1975) oder extrem unkommerzielle Syberberg-Werke, der siebenstündige „Hitler – Ein Film aus Deutschland” (1977) und  „Parsifal” (1982), gehen auf sein Finanzierungskonto.

Der Durchbruch beim Kommerzfilm gelang ihm mit „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” (1981), deren Hauptperson, eine drogensüchtige, minderjährige Stricherin, den Archetypen des Eichinger-Helden vollständig umriß: Außenseiter, Verstoßene, die ihre Situation entweder zum Segen oder zur Zerstörung von Selbst und Welt nutzen.

In diese Reihe gehören auch der Ketzer William von Baskerville („Der Name der Rose”, 1986), der introvertierte, verlachte Knabe ?Bastian Balthasar Bux („Die unendliche Geschichte”, 1983) der das bedrohte Reich der Phantasie rettet, und dabei seine wahre Persönlichkeit entdeckt, die Edel-Prostituierte Rosemarie Nitribitt („Das Mädchen Rosemarie“, 2005), die Straßenstricherin Tralala („Letzte Ausfahrt Brooklyn”, 1989), die widerständlerische ?Blanca Trueba („Das Geisterhaus”, 1993) der pathologische Frauenmörder ?Jean-Baptiste Grenouille („Das Parfüm”, 2006), der tablettenabhängige Hitler („Der Untergang”, 2005) und die RAF-Terroristen („Der Baader-Meinhoff-Komplex”, 2008).

Tierpark von Süchtigen, Prostituierten und Sinnsuchern

Mit einem Augenzwinkern läßt sich sogar die Cartoonfigur „Werner”, bierseliger Motorradprolet und Star von vier Filmen, einordnen in diesen Tierpark von Süchtigen, Prostituierten, Rebellen, Sinnsuchern und Massenmördern, die den Schrecken menschlicher Existenz freilegen. Denn nur in ihren extremsten Ausformen zeigt eine Spezie ihr ganzes Potential, im Guten wie im Schlimmen. Freilich bot Eichingers Auseinandersetzung mit diesen „Exemplaren” nicht immer die notwendige Radikalität und Tiefe, dennoch waren seine Adaptionen kein pures Glattlecken literarischer Vorlagen.

Vieles ist versteckt, zeigt sich erst dem zweiten Blick: Beim „Namen der Rose” beispielsweise attackierte die Kritik das (vom Roman abweichende) Ende, bei dem die Inquisitions-Opfer ihre Rettung finden, als sträflich „harmonisierend”. Dabei ist die „neue” Schlußszene von kaum überbietbarer Grausamkeit: Der junge ?Novitze Adson reitet mit seinem Mentor William von Baskerville fort, als ihm das geliebte Bauernmädchen entgegentritt. Er muß wählen: Zwischen ihr, seiner Liebe, aber auch bitterster Armut als Bauer und dem Kloster, wo ihn Versorgung, Wissen, aber auch Einsamkeit erwartet. Schweigend entscheidet sich Adson für Letzteres, sie schaut ihm traurig nach. Wie man auch entscheidet, es ist immer ein Scheitern…

2005 kehrte Eichinger thematisch zu den beiden Syberberg-Filmen zurück: Mit dem Hitler-Drama „Der Untergang”, zu dem er selbst das Drehbuch verfasste, und seiner ersten und einzigen Opernregie, „Parsifal” (2005), an der Berliner Staatsoper. Zwei Dokumente der Traumatisierung, der geschichtlichen wie der existenziellen.

Der Tod ist wie ein Filmschnitt

Sein Parsifal findet die Gralsburg bewohnt von Untoten, die ein schreckliches Blutopfer vollziehen, dem verfallenden Körper des Königs Amfortas Fleisch abfordern, um es zu verzehren. Zuletzt, am Ende seiner Odyssee, liegt Parsifal verwahrlost in nächtlichen Stadtpark von New York. Hier hätte dem Verlierer eines globalisierten Kannibalismus durchaus der Heldin aus „Ausfahrt Brooklyn” oder Christiane F.  begegnen können.

Das Werk des „großen Alchemisten Wagner” (Eichinger) bot dem Regisseur kein Erlösungsversprechen mehr. Was bleibt, ist die emotionale Kraft des Individuums: „?Parsifal und Kundry, das ist für mich eine Liebesgeschichte.” erklärte Eichinger. Das Premierenpublikum vermisste dessen Ästhetik der Gefälligkeit, veranstaltete ein Buhkonzert, die Presse verriss ihn. Lediglich der exzentrische Hans-Jürgen Syberberg fand lobende Worte. Wie man auch immer zu Eichingers „Parsifal” stehen mag, hier zeigte er sein Universum ungeschminkt, ohne Versöhnung, ohne Konzession.

Letzte Woche verstarb der Produzent in Los Angeles. Der Tod, so Pasolini, ist wie ein Filmschnitt. Er verarbeite das Rohmaterial des Lebens zu einem Mythos. Sollte jemand seinen Mythos schon  zu Lebzeiten selbst montiert haben, kann der Tod ihn umschneiden, zu einem neuen Film. Und der ist manchmal noch besser als der erste. 

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