Joachim Kuhs

 

Die verunsicherte Supermacht

Die jüngste Ausgabe der vom Council on Foreign Relations (CFR) herausgegebenen Zeitschrift Foreign Affairs (November/December 2010) spiegelt in einer Reihe von lesenswerten Beiträgen die Verunsicherung, die die „einzige Supermacht“ im Hinblick auf ihre Rolle als globale Führungsnation befallen hat. „The World Ahead“ – frei übersetzt: „Die vor uns liegende Welt“ – heißt das Leitmotiv der Beiträge, die denn vor allem um eines kreisen: Welche Rolle werden die Vereinigten Staaten in dieser Welt spielen?

Den Bestandsaufnahmen, die Foreign Affairs in diesem Zusammenhang bietet, kommt unter anderem deshalb erhöhte Bedeutung zu, weil der CFR so etwas wie das „Netzwerk der Netzwerke“ darstellt, wie es Hermann Ploppa in einem Beitrag für das Online-Magazin Telepolis treffend ausgedrückt hat. Alle Netzwerke der „transatlantischen Community“ wiesen konzentrisch auf den CFR, was diesen im Hinblick auf die Politik der USA und damit „auf fast alle Flecken dieser Welt“ „unendlich einflußreich macht“. Wer wissen will, was in diesem Netzwerk gedacht und diskutiert wird, der sollte einen Blick in die Zeitschrift Foreign Affairs werfen.

Eine Reihe „ernster Probleme“

Gleich im ersten Beitrag diskutiert Harvard-Professor Joseph S. Nye jr. die Frage, inwieweit mit Blick auf die USA von einem Niedergang gesprochen werden kann. Nye sieht zwar eine Reihe „ernster Probleme“; verabsolutiere man diese Probleme aber, laufe man Gefahr, „eindimensional“ zu werden. Leicht werden dann die militärische Macht und die „Soft power“ der USA ignoriert. Im gleichen Maße werden Chinas geopolitische Nachteile im internationalen Kräftespiel ausgeblendet.

Im übrigen sieht Nye nicht unbedingt in China den kommenden Herausforderer der USA; nichtstaatliche Akteure und „moderne Barbaren“ könnten sich zu einer größeren Bedrohung entwickeln. Nicht Machtverschiebung, sondern Machtzersetzung stelle im Informationszeitalter die größere Gefahr für die USA dar. Nye zeigt sich überzeugt, daß die „Kultur der Offenheit und Innovation“ den Vereinigten Staaten auch weiterhin einen zentralen Platz in einer Welt sichern werde, in der „Netzwerke“ in hohem Maße an die Stelle hierarchischer Macht träten.

Finanzielle Ressourcen schwinden

Weitaus weniger optimistisch im Hinblick auf die künftige globale Rolle der USA sind zum Beispiel die Beiträge von Roger C. Altman/Richard N. Haass und von Leslie H. Gelb. Altman und Haass sehen spätestens mit dem Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 nicht nur die finanziellen Ressourcen der Vereinigten Staaten schwinden: „Der globale Einfluß der Vereinigten Staaten in all seinen Facetten wird leiden“, konstatieren die Autoren. Falls es den Vereinigten Staaten nicht gelänge, ihre eigene Finanzkrise in den Griff zu bekommen und für sie eine Lösung zu finden, wird die Anziehungskraft von Demokratie und marktbasierten Kapitalismus einen weiteren Schlag erhalten.

Von den Turbulenzen im Westen könnte nach Ansicht der Autoren das chinesische Modell profitieren, das eine Art „Ehe“ zwischen einem von oben dirigierten politischen System und einer gesteuerten Mischform von Kapitalismus hervorgebracht habe. Eine Verschiebung der Macht weg von den Vereinigten Staaten, Europa und Japan werde die Entwicklung einer „nonpolaren Welt“ beschleunigen, die, da sind sich Haass und Altman einig, weniger sicher und wohlhabend sein wird. Die Vereinigten Staaten näherten sich, wenn sie ihr Schuldenproblem nicht in den Griff bekämen, schnell einem „historischen Wendepunkt“ an.

Veralterte Sicherheitsstrategie

Ähnlich drastisch sieht Leslie H. Gelb die Lage der Vereinigten Staaten. Gelb moniert gleich zu Beginn seines Beitrages, daß Washington in einer „ökonomie-zentrierten Welt“ noch in „klassischen militärischen Begriffen“ denke und Bedrohungen mit militärischen Mitteln bekämpfe. Ziel aber müsse es sein, „Sicherheit“ vor dem Hintergrund des 21. Jahrhunderts neu zu definieren. Mit Sorge registriert Gelb, daß die USA immer weniger in der Lage seien, ökonomische Stärke in Einfluß umzumünzen und stellt die Frage, warum es einen Graben zwischen der Macht der USA und den (außenpolitischen) Ergebnissen, die erzielt würden, gäbe.

Ein Grund hierfür sei die Nichtmodernisierung der nationalen Sicherheitsstrategie; hier sei eine völlig neue Art zu denken notwendig, um die US-Außenpolitik für eine Welt „fit zu machen“, in der ökonomische Anliegen militärische Parameter aufwögen. Genau hier, also auf dem ökonomischen Feld, läge die Herausforderung, die China für die USA bedeute. Washington müsse zur Kenntnis nehmen, daß die Wirtschaft heute im Zentrum der Geopolitik stünde. Dem nicht Rechnung getragen zu haben, habe Blut, Kapital und Einfluß gekostet.

Die Frage nach der Therapie

Eine ganz und gar erstaunliche Feststellung: Waren es nicht die Vereinigten Staaten, die 1989/1990 realisierten, daß von nun an die Ökonomie im Zentrum der Interessenpolitik zu stehen hat? Haben die USA der „Globalisierung der Märkte“ durch ihren Einfluß in supranationalen Organisationen nicht ihren Stempel aufgedrückt?

Nicht nur in Fragen wie diesen zeigt sich, wie uneins die US-Eliten im Hinblick auf die Frage sind, welcher Therapie es bedarf, um die alte Stärke zurückzugewinnen. Und noch etwas fällt ins Auge: Der unverbesserliche Optimismus, das „Thinking positive“, das US-Amerikanern gerne zugeschrieben wird, fehlt in so manchem Beitrag. Sollte die Führungsmacht des Westens diesmal wirklich von ernsthaften Selbstzweifeln befallen sein?

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