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Der Plagiator

Als im vergangenen Jahr die „Plagiatsdebatte“ um Helene Hegemann ausbrach, bei der eine Dreiviertelseite nicht nachgewiesener Zitate dem 200seitigen Eigentext entgegenstand, da wandelten sich hiesige Feuilletonisten zu hämischen Sadisten: Zwei Wochen lang genoß man die öffentliche Sezierung einer 17jährigen, das Menschenbild des Marquis de Sade fand volle Bestätigung.

Jetzt endlich ein neuer Fall. Und wieder ist es ergiebiger, Meta-Ebenen dieses feuilletonistischen Lückenfüller zu analysieren, als ihn um einen weiteren Beitrag zu „bereichern“. Rekapitulieren wir: Guttenberg hatte als Politiker die Meisterleistung vollbracht, trotz Unfähigkeit zum Hoffnungsträger zu avancieren. Angriffe auf Tanklaster im Kundus? – Nichts gewußt. Katastrophale Bedingungen auf der Gorch Fock? – Man kann doch nicht über alles informiert sein. Überhaupt Informationsdefizite bezüglich Bundeswehr in Afghanistan: Nicht der Verteidigungsminister, die Untergebenen sind schuld, müssen gefeuert werden.

Hoher Versagensquotient

Solch ein Versagensquotient, der in jedem anderen Job tödlich, konnte Guttenbergs Popularität nichts anhaben. Zu gekonnt spielte er mit Boulevardphantasien, mit Elite- und Adelsklischees. Zu perfekt boten er und seine Frau das deutsche Pendant zu Charles und Diana, den totalen Kitsch. Kurzum, er inszenierte sich als Menschentypus, der nicht und nie existierte. Alltägliche Erfahrung und Anthropologie lehren: Der Mensch lebt in einem Netzwerk von Inszenierungen. Keiner ist, was er vorgibt. Kein Lebenslauf, der nicht frisiert ist – liest man die, glaubt man, die Welt bestünde nur aus Genies –, kein Auftritt, der nicht Wahres verbirgt und Falsches unterstreicht. Der Mensch als Tier, das sich selbst inszeniert.

Jeder weiß das, und schreit doch auf, wenn eine solche Inszenierung platzt, weil er moralisch Wünschenswertes mit Realität verwechselt. Selbst die Einführung von Theaterwissenschaft als schulisches Pflichtfach würde die Mehrheit nicht abhalten, weiterhin auf billigste „Performance“ reinfallen. So jault beispielweise Die Zeit online, Guttenberg verhöhne das Leistungsprinzip und tauge deshalb nicht mehr als „Vorbild“. In welchem Teenagerzimmer hing jemals ein Poster von ihm?

Inszenierung als Doktor gescheitert

Zugegeben, man könnte Guttenberg attestieren, daß seine Selbstinszenierung als „Doktor“ daneben ging, daß er sich womöglich einen schlechten Ghostwriter gekauft hat, der ihm ebenso schlecht diente, wie die Informations-Zuträger im Ministerium. An dieser Stelle stellten wir jüngst der Uni-Ghostwriter „Max“ vor. Dem wären solche Schlampereien nicht passiert…

Aber jene 68 Prozent, die laut Umfrage weiterhin auf seiner Seite stehen, ihn trotz  Patzer für einen qualifizierten Minister halten, die sollte man nach der Leistung ihrers Idols fragen. Was für eine Antwort käme dann? Etwa sein pures Versprechen, „klare Werte“ zu vertreten…?  Daß Guttenbergs Selbstinszenierung hier funktioniert, daß er sich als „fähiger Politiker“ verkaufen kann, darin liegt das Problem, nicht in der albernen Dissertation.

Misere der Wissenschaft: Quantität statt Qualität

Die Doktorarbeit ist eher eine Peinlichkeit für Universität und Doktorvater Prof. Dr. Peter Häberle. Nicht, weil der die Arbeit annahm, ohne auf potentielle Plagiatspassagen zu prüfen, sondern weil er einen Text mit Summa cum laude bewertet, der – wie man inzwischen weiß – Passagen aus einer Erstsemesterarbeit enthält. Eine Arbeit, die laut Thomas Steinfeld (Süddeutsche Zeitung) eine Montage halbdurchdrungener Textpassagen darstellt, zusammengeleimt mit Füllwörtern wie „jedoch“, „demzufolge“ und Flosken wie ?“ein weiterer Punkt“ oder „?Von Interesse ist zunächst die generelle Frage“. 

Hier zeigt sich die Misere einer Wissenschaft, die nicht auf Qualität, sondern Quantität achtet, die Originalität geringschätzt, aber Fleißarbeiten mit unzähligen Fußnoten hochhält. Gleiches gilt für Wissenschaftsverlage wie Duncker & Humblodt, immerhin Betreuer vom Werk Carl Schmitts, der Guttenbergs Opus publizierte. Fazit: Guttenberg verhöhnte nicht das Leistungsprinzip, sondern diese Art akademischer Leistung ist eine Verhöhnung wissenschaftlicher Arbeit. Diese Misere aufgedeckt zu haben, darin liegt der eigentliche Wert von Guttenbergs Dissertation. Mag diese auch nicht in der Intention des Autors gelegen haben.

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