Joachim Kuhs

 

Bürgerliche Bauernschläue

Immer wieder groß ist in unseren Reihen das Gezeter. Nein, nicht das über „die Ausländer“, „die Besatzer“ oder „die Bonzen“. Statt dessen wendet sich die Larmoyanz gegen die eigenen Mitmenschen, Mitbürger – die „Menschen da draußen“, wie Politiker es gern despektierlich formulieren, wenn sie dem demos unterstellen wollen, von irgendetwas keine Ahnung zu haben. Dabei ist dieses Gemecker oftmals nur selbstreferentiell.

Man findet mit dem, was man sagt und vielleicht sogar tut, keinen Anschluß. Im schlechtesten Fall drohen Belächeltwerden oder gar soziale Ächtung. Und da man sich ja so bemüht, müssen am konstanten Mißerfolg letztlich ja die anderen schuld sein. Das Schreiben von Leserbriefen, Parolenschwingen am Stammtisch oder Argumentationen vom Elfenbeinturm herab – was soll es denn schon noch für andere Artikulationsversuche in dieser mitnichten freiheitlichen Gesellschaft geben?

Eingelullt und eingehüllt

Nun, es gibt sie durchaus. So abgedroschen die Phrase auch sein mag: Man muß die Leute „dort abholen, wo sie stehen“. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die einem wirklich lieb sind – Freunde, Verwandte, Kollegen, Kommilitonen. Man kann eben nicht voraussetzen, daß jeder sich permanent auf dem laufenden hält. Nicht umsonst fährt das Leitmedium der BRD so hervorragend damit, monatelang über Darmbakterien, querschnittsgelähmte „Wetten, daß…?“-Kandidaten oder angeklagte C-Prominente zu berichten. Nicht umsonst wird in Deutschlands größtem Nachrichtenmagazin fast jede Woche die Hitlersau durch’s Dorf getrieben.

Nicht umsonst quillt das Unterschichtenfernsehen schier über von brandigem gesellschaftlichen Schleim, dessen schiere Existenz man kaum für möglich halten würde. Wer noch nicht genug Probleme mit sich allein hat, um den ganzen Tag beschäftigt zu sein (neben der Arbeit, wenn er denn eine hat), der wird ad nauseam reizüberflutet. „Brot und Spiele“, und gerne auch noch ein bißchen Porno obendrauf. Eine Rechnung, die aufzugehen scheint – doch erlebt man auch manche Überraschung.

Fragen über Fragen

Allein das vergangene Wochenende bescherte mir derer gleich zwei. Mit dem Taxifahrer, der mich zum Bahnhof brachte, sprach ich kurz über die miserable Verkehrssituation in der Stadt. Unvermittelt begann er, mir darzulegen, was alles anders laufen würde, „wenn ich was zu sagen hätte“. Einen Augenblick verdutzt und belustigt, hörte ich dann aber doch etwas genauer zu. Hier offenbarte sich ein Mensch, der lange Frust in sich aufgestaut hatte – Frust über alltägliche Dinge. Eben jene, die die „Menschen da draußen“ beschäftigen, denen die „Rettung des Euros“ ähnlich fern liegt wie die Verteidigung „deutscher Freiheit“ am Hindukusch.

Solcherlei Frustrierte darf man keinesfalls mit den allzu modischen „Wutbürgern“ verwechseln; sie verbinden ihr Mißfallen nicht mit öffentlichkeitswirksamen Unmutsbekundungen, sondern stellen sich und anderen lediglich einfache Verständnisfragen zum Alltagsleben. Daß sie darauf keine Antwort bekommen, liegt nicht an einer politischen Unmündigkeit, sondern daran, daß das meiste, was in den letzten Jahrzehnten in diesem Land politisch entschieden wurde, den gesunden Menschenverstand schlichtweg übersteigt.

Das Fähnchen im Wind

Auch nutzte ich das Wochenende, das ich aufgrund des 25. Jubiläums der Jungen Freiheit in Berlin verbrachte, um eine alte Schulfreundin wiederzutreffen. Wir hatten uns schon über eineinhalb Jahre nicht mehr gesehen und entschieden uns, den Sonntag mit einem kleinen Bummel durch Berlin zu verbringen. Da sowohl sie als auch ich im Anschluß mit dem Zug abreisen wollten, strebten wir abschließend dem Hauptbahnhof zu. Auf einer Bank vor dem Reichstag platznehmend, wies ich sie mit säuerlichem Gesichtsausdruck auf die neue EU-Fahne auf dem Gebäude hin.

Sie schmunzelte daraufhin nur und sagte: „Und darüber regst Du Dich auf? Das war doch nun wirklich nur eine Frage der Zeit!“ Meinen verwunderten Blick quittierte sie mit einem „Oder sieht das hier für Dich noch wie eine Demokratie aus?“ Da war ich erst einmal perplex, da dieses Mädchen in keinster Weise mit mir politisch übereinstimmt. So oder so – es entspann sich eine Diskussion, in der wir zwar nicht dieselben Schlüsse zogen, aber uns doch beiden klar war, daß so einiges faul sein muß im Staate Bundesrepublik.

Gemeinschaftsgefühl…

Und wo es fault, da gärt es irgendwann. Die Zeichen der Zeit sind für weitaus mehr Menschen sichtbar, als es immer den Anschein hat. Wie aber sollen wir damit umgehen? Es ist natürlich utopisch, jedem Mitbürger, dessen Wutanfall man zufällig belauscht, sofort ein Probeabo der Jungen Freiheit in die Hand zu drücken. Genausowenig darf man die Leute aber auch in dem Glauben lassen, mit ihrer Meinung und ihren Sorgen so verlassen dazustehen, wie es ihnen angesichts des allfälligen medialen Bombardements scheinen muß. Es hilft nur, mit ihnen zu sprechen. Aufrichtig zu sein, den intellektuellen Dünkel abzulegen und – wenn nötig – klar Stellung zu beziehen.

Zu wissen, daß andere Menschen dieselben Fragen haben wie man selbst, kann ungeheuer tröstend sein. Nicht in dem Sinne, daß man die Fragen danach ad acta legt; vielmehr lassen sie sich in der Diskussion noch zuspitzen und verschärfen. Und eben diese, vielleicht völlig fremden, Menschen wirken – wenn wir uns richtig anstellen – in zweifacher Weise als Multiplikatoren. Einmal durch das Nachdenken über das seltsame Erlebnis, in ihren Zukunftsängsten und Frustrationen ernstgenommen worden zu sein. Und ein weiteres Mal in der Unterhaltung mit ihren Freunden und Bekannten, die vielleicht selbst erst dann mit einer ähnlichen Meinung herausrücken.

 … statt Ideologie

Allgemeinplatz hin oder her: Was hierzulande inzwischen abläuft, ist dermaßen verquer und krank, daß den allermeisten Menschen mittlerweile irgendetwas stinken muß. Es geht nicht darum, sie zu missionieren, aufzuhetzen oder belehren zu wollen. Nur ernst muß man sie nehmen. Im Zweifel werden sie die richtigen Schlüsse ziehen, das kann man selbst mit der sprichwörtlichen „Bauernschläue“.

Sie sollen, müssen und werden erkennen, daß ihre Probleme nicht auf eigenem Unverständnis oder Undankbarkeit basieren. Daß nicht ihre Wahrnehmung der Welt um sie herum verquer ist, sondern die einer pflichtvergessenen, übelwollenden Clique von Schacherern, denen ihr „Arbeitgeber“ nichts bedeutet. Diesen Menschen zu helfen, auch wenn sie nicht unser politisches Lager teilen mögen, gebietet uns schon die Nächstenliebe.

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