Anekdoten eines Vermieters

Wenn man eine Wohnung vermietet, lernt man mit der Zeit allerlei Arten von
Menschen kennen; sehr gewissenhafte, ordentliche, höfliche und ehrliche
Menschen – aber leider auch genau das Gegenteil. Witzig und besonders
interessant erscheint mir jedoch immer wieder der Versuch, eine Wohnung zu
vermieten: es ist wirklich erstaunlich, was sich da für Leute melden.
Es geht schon damit los, daß es Personen gibt, die es nicht schaffen, wie
normale Mitteleuropäer zu telefonieren. Es wird angerufen und als Eröffnung
nur ins Telefon gestammelt: „Wo is’n die Wohnung?“

Anfangs hatte ich noch konkret geantwortet, aber mittlerweile habe ich die Erfahrung gemacht, daß es sich nicht lohnt, direkt eine Antwort zu geben, denn es wird sich herausstellen, daß diese Art von Mensch sich nicht als Mieter eignet.
Deswegen frage ich zunächst einmal, wer anruft. Warum ist es nicht mehr
üblich, sich erst mit dem Vor- und Zunamen vorzustellen und dann das
Anliegen zu nennen, weswegen man anruft? Kopfschütteln löst bei mir in
diesem Zusammenhang die Antwort „Das geht Sie doch gar nichts an“ aus, wenn
man sich als Gesprächspartner erdreistet zu fragen, mit wem man denn
überhaupt gerade telefoniere.

Termine werden nicht mehr abgesagt

Die nächste Hürde des normalen menschlichen Umgangs sind
Terminvereinbarungen. Nach meiner Erfahrung kommen rund 20 Prozent der
Mietinteressenten nicht zu dem ausgemachten Termin; nicht einfach zu spät,
sondern überhaupt nicht. Manchmal rufe ich an, wenn ich eine
Mobiltelefonnummer habe, und frage, warum der Interessent nicht zu dem
Termin komme. Die Antwort lautet dann meist, man habe „keine Lust“ oder „Ich
habe etwas anderes zu tun.“ Warum ist es nicht mehr üblich, einen Termin
abzusagen, wenn einem etwas dazwischen kommt? Man war doch auch vorher
imstande, einen Termin zu vereinbaren.

Witzig war die Antwort einer nicht zum Termin erschienenen Dame, die sagte,
sie habe „jetzt zwar keine Zeit“, aber wenn ich „zwei Stunden in der Wohnung
warten“ würde, wäre sie bereit, „vielleicht doch noch dahin zu kommen“. Dreistigkeit und Dummheit trifft man meist in einer Person an. Während der Besichtigung der Wohnung werden manchmal die unerwartetsten
Fragen oder Forderungen gestellt: „Wer bezahlt denn den Telefonanschluß für
mich? Machen Sie das als Vermieter?“ – „Ich will, daß Sie als Vermieter mir
eine Einbauküche bezahlen, ansonsten gehe ich gleich wieder!“ – „Wenn Sie
diese Wand herausreißen würden und ich einmal sehen könnte, wie es dann
aussieht, dann würde ich mir auch überlegen, ob ich hier einziehe!“

„Natürlich bürge ich nicht für meinen Sohn“

Sehr ehrlich war eine Großfamilie zu mir, die folgendes sagte: „Wissen Sie,
unser Sohn ist jetzt 16 Jahre alt. Er trifft sich oft mit seinen Freunden
und bis tief in die Nacht hören die dann laut Musik und trinken Alkohol.
Darauf haben wir keine Lust mehr. Uns wäre lieber, wenn unser Sohn auszieht
und dann in Ihrer Wohnung Musik hört und Alkohol mit seinen Freunden
trinkt.“ Erschreckend ehrlich war auch eine Mutter, die neben ihrem
35jährigen Sohn stand und sagte: „Natürlich bürge ich nicht für meinen Sohn.
Der hat noch nie gearbeitet und wird es auch nicht tun. Ich will mit seinen
Schulden und der Miete hier nichts zu tun haben.“

Und zu guter Letzt gibt es noch die Mietinteressenten, die aufgrund – nennen
wir es mal neutral – ihres Körpers nicht genommen werden. Einer hat so
bestialisch nach Schweiß gestunken, wie man es sonst nur von der
Billig-Supermarktkasse im Sommer kennt. Es war kein Schweiß, den man riecht,
wenn man hart gearbeitet hat, sondern wenn derjenige sich drei oder mehr
Tage nicht wäscht und nicht die Kleidung wechselt. Warum ist es nicht mehr
üblich, sich zu waschen, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt? Was ist
mit diesen Menschen los?

Ein circa 25jähriger Interessent tat mir etwas leid, denn er suchte nicht
nur eine Wohnung, sondern auch ernsthaft einen Job, wie er mir anfangs
versicherte. Ich fragte ihn, ob es vielleicht etwas schwieriger für ihn sei,
weil er alle Knöchel seiner Finger beziehungsweise den Handrücken und seinen Hals tätowiert habe. Das sei „völlig abwegig“, vielmehr haben „die Idioten vom
Amt“ noch „nichts Passendes“ für ihn gefunden. Deren Aufgabe sei es doch,
„für ihn einen Job zu besorgen“. Solange die nichts Passendes finden,
solange mache er sich auch „nicht krumm“. Na, dann weiß ich ja jetzt
Bescheid!

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