Verlierer und Wassergeister

Ein Datenträger, ein Abspielsystem jagt das nächste: Wer seit vier Jahrzehnten auf diesem Planeten wandelt, kennt noch Vinylplatten und Musik-Cassetten, die ab Mitte der Achtziger zunehmend durch die CD ersetzt wurden. Jetzt verkünden Experten auch deren Ende. Noch härter geht‘s beim Video zu: Vor 30 Jahren gab es drei Systeme: VCR, VHS und Betamax.

Nachdem VHS gegen die beiden anderen gewann, kam mit Video 2000 ein neuer Konkurrent ins Rennen. Der hatte den Vorteil beidseitiger Bespielbarkeit, machte dennoch bald schlapp, da sein Verkauf nur auf Europa begrenzt blieb. 15 Jahre genoß VHS seinen Sieg, ehe sich vor etwa 10 Jahren die DVD durchsetzte.

Dann schickte man die Blu-ray Disc ins Rennen. Der Grund dafür: Da Hollywood keine neuen Großerfolge hat, will man alte Dauerbrenner erneut vermarkten, in „noch besserer“ Bildauflösung und Tonqualität. Dabei ist branchenintern längst klar: Auch die Tage der Blu-ray Disc sind gezählt. Wie im Audiobereich gehört dem „Download“ die (nahe) Zukunft. Aber bis dahin sollen alle nochmal in die Tasche greifen, nochmal auf Blu-ray reinfallen. Solche Umstellungen werden mit sanfter Gewalt durchgezogen.

Aura älterer Filme

Das Angebot des „veralteten“ Systems wird Monat für Monat reduziert – bei gleichzeitigem Wachstum des neuen –, während die Medien propagandistische Begleitmusik spielen. So diskreditierte ein Autor der Süddeutschen Zeitung all jene als „Loser“ (Verlierer), die dem VHS-System weiterhin „die Treue halten“. Unter solchem Dauerbeschuß sieht natürlich jeder ein, daß ein neuer Datenträger absolut notwenig ist.

Leider sind diese rasanten Wechsel extrem unfreundlich gegenüber Sammlern, die laut Goethe doch „glückliche Menschen“, also keine „Loser“ darstellen. Die müssen ihre Schätze ständig umkopieren, spätestens wenn es für alte Abspielgeräte keine Ersatzteile mehr gibt.

Außerdem bietet jeder neue Datenträger eine andere „Ästhetik“ und verändert damit die Aura älterer Filme. So wird die leichte Unschärfe früherer Zelluloid-Werke durch die Adaption in Pixel-Bilder kraß verfremdet. Die wirken steril, ihre Protagonisten gar künstlich. Diese Egal-Haltung gegenüber der Ästhetik des Datenträgers paßt in die Zeit.

Eigene Geistwesen

Radikale Kybernetiker à la Frank Tipler vertreten sie sogar gegenüber dem Biologischen insgesamt. Die erklären, beim Phänomen „Leben“ komme es nur auf den Informationsaustausch an, während der „Datenträger“ gleichgültig sei. Deshalb wäre die Psyche eines Verstorbenen in (ferner) Zukunft digital restaurierbar. Denn ob deren Informationsprozesse auf Kohlenstoffbasis oder auf der Festplatte eines Computers abliefen, spiele keine Rolle.

Solche Reduktion korrespondiert mit der angeblichen Austauschbarkeit von Datenträgern: Ob Filmbilder auf Zelluloid, auf Magnetband oder Festplatte gebannt sind, läuft aufs Selbe hinaus. Solch scheinbare Indifferenz spiegelt sich auch in der Sprache. Einst besaßen Poesie und Mythenbilder hohe Sensibilität für ästhetische Unterschiede. Vor Jahrhunderten galt das Wasser aus Brunnen, Seen, Bächen und Flüssen – vom Meer ganz zu schweigen – in seiner „Energie“ als derart verschieden, daß man es mit jeweils eigenen Geistwesen versah. Eine Differenz, die auf die Aura zielt, nicht auf die biochemische Zusammensetzung, die an allen Fällen – mehr oder weniger – identisch ist.

Im afro-amerikanischen Macumba-Kult ist diese Sensibilität noch präsent: Dort heißt die Meeresgöttin Yemanja, ihre Farben sind Blau und Weiß wie die Schaumkronen des Ozeans. Der Göttin Oxum hingegen schreibt man die Flüsse, stehenden Gewässer und Wasserfälle zu. Ihr Kleid erstrahlt in herrlichem Gold. Zwei „Energien“, zwei Ästhetiken. Eine solche, poetische Metaphernsprache könnte verhindern, daß jeder neue Datenträger als purer „Fortschritt“ bejubelt würde.

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