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Sternenstaub

Um 400 n. Chr. sitzt die Astronomin Hypatia über den Dächern von Alexandria und beobachtet den nächtlichen Sternenhimmel. Bis in die Morgenstunden, bis die Sonne ihr das Gesicht erhellt und alle Sterne verschwinden läßt. So zeigt es der Film „Agora“ (2009).

Dieses Glück meditativer Kontemplation vermitteln auch jene Fotos, die das Weltraumteleskop Hubble seit zwanzig Jahren in kosmischen Tiefen schießt. Mögen sie digital bearbeitet sein, die unbekannten Welten, ihre Ästethik des Erhabenen findet kaum Vergleichbares.

Ohne das Teleskop wären sie für immer ungesehen, für immer verloren gewesen. Zu diesen Bildern liefern Astronomen unvorstellbare Meßdaten: daß die abgebildete Galaxie Milliarden von Lichtjahren entfernt liegt oder daß eine gigantische Staub- und Gassäule die Länge von 30 Billionen Kilometern mißt. Welcher Mythos könnte das noch fassen, in eine – beruhigende – Form bringen?

Aliens wären nicht zwangsläufig Pazifisten

Am Beginn abendländischer Philosophiegeschichte, vor 2.500 Jahren also, rief Thales von Milet, vom Eindruck des gigantischen Meeres überwältigt: „Alles ist Wasser!“ Heute konfrontieren uns die Hubble-Aufnahmen mit dem dunklen Ur-Ozean des Universums. Wie Thales rufen wir aus: „Alles ist dunkler, leerer Raum!“ Ein dionysischer Rausch, der zugleich Angst hervorruft. Plötzlich ändern die Bilder ihr Gesicht, werden zu Beweisen tiefster Einsamkeit in einer unendlichen Dunkelkammer.

Mancher hält dagegen, daß entfernte Planeten womöglich weitere Lebensformen bergen. Science-fiction-Filme tun ihr Bestes, um uns den Kosmos heimisch zu machen, senden Raumschiffe in Sekundenschnelle zu fernen Planeten, um dort Aliens, Götter, Freaks, Monster oder gar ein Nudistencamp („Nude on the Moon“, 1961) vorzufinden.

Wobei diese Aliens laut Stephen Hawkings nicht zwangsläufig Pazifisten wären: „Wenn uns Außerirdische jemals besuchen, wird das Ergebnis, so denke ich, genauso sein wie bei der Landung von Christoph Columbus in Amerika, die für die Eingeborenen nicht sehr gut ausging.“ Abgesehen davon bleibt die Frage nach den Außerirdischen spekulativ.

„Alles, was ist, endet“

Um sie auch nur statistisch zu beantworten, müßte man alle – nicht nur einige – Bedingungen für die Entstehung von „Leben“ kennen. Wohl aber könnten Wesen das All bevölkern, die aufgrund mangelnder Analogie zu den Erdbewohnern – seien sie menschlich, pflanzlich oder tierisch – gar nicht erkannt würden, „Existenz“-formen jenseits von organischer und anorganischer Materie.

Aber gesetzt, das ganze Universum und sämtliche Paralleluniversen wären bewohnt – es bliebe dennoch ein gigantischer Sarkophag, in dem jeder seinen alleinigen Tod stirbt. Ob auf einem oder tausend Planeten. „Alles, was ist, endet“, heißt es in Wagners „Rheingold“: Es ist die einzige „Weltformel“, die bisher gefunden wurde.

Alles unterliegt der Vergänglichkeit, auch wir werden zuletzt als Sternenstaub in den schwarzen Raum geschleudert. In einen Raum, der irgendwann dank endloser Erweiterung zerfasert oder sich zu einem Omega-Punkt zusammenzieht, um dann wieder einen Urknall, ein neues Universum hervorzubringen. Zerbrechen nicht alle Erzählungen, Religionen an dieser schrecklichen Nacht-Wüste und ihrem absurden Schicksal?

Es gibt noch einen zweiten, überlieferten Satz des Thales: „Alles ist voller Götter“. Sind diese Gestaltungskräfte des Kosmos – sofern man nicht an Zufall glaubt – mit ihm verbunden? Werden sie sogar sein Schicksal teilen? Beim Betrachten der Hubble-Bilder entdecken wir: Wieder korrespondieren Naturwissenschaft und Gesellschaft aufs harmonischste: Leere hier wie dort. Falls wir es schaffen, das irdische Death Valley des Nihilismus zu durchqueren, falls wir jemals die „andere Seite“ erreichen, wird sich uns der leere Kosmos auch wieder füllen?

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