Schlingensief und der Körper Afrikas

Bei aller Differenz seiner Staaten ist der Kontinent „Afrika“ ein ungebrochener Mythos. In Zeiten globaler Nivellierung ist Afrika eine archaische Festung, die der westliche Mensch – ähnlich wie das eigene Unbewußte – nicht einnehmen kann.

Da ist es nur folgerichtig, daß es bei Aussteigern, Zivilisationskritikern, Widerständlern und Vitalisten seine Verklärung findet. Schon parallel zur Kolonialpropaganda entstanden heimliche Liebeserklärungen wie Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ (1902). Hanns Heinz Ewers versuchte dort das Unheimliche und C.G. Jung das – im Europäer verschüttete – Archaische auszugraben.

Ähnlich erging es Ernest Hemingway. In den sechziger Jahren entdeckten auch westliche Gesellschaftskritiker ihr Afrika. In einer Kultur, die sich der Rotation im Leeren verschreibt, den Körper zur materialisierten Neurose degradiert und sich im Hochglanzstreß manifestiert, symbolisiert der Kontinent eine Gesellschafts- und Körperutopie. Das reichte vom Ethnopoeten Hubert Fichte bis zu Pier Paolo Pasolini.

Afrikanische Spiritualität

Der begriff Afrikas Bevölkerung in Filmen wie „Notizen zu einer afrikanischen Orestie” (1969) als das große „Proletariat der dritten Welt“, als Bollwerk gegen Konsumkultur. Zugleich liebte er die Schönheit, die Vitalität des afrikanischen (Männer-)Körpers. Zur selben Zeit projizierte Leni Riefenstahl ihr Schönheitsideal auf die afrikanischen Nuba, fotografierte sie im Alltag und bei ihren Riten. Beide, Pasolini wie Riefenstahl, suchten archaische Vitalität als Gegengift zum westlichen Selbstekel.

Auch Christoph Schlingensief hat spätestens seit „United Trash“ (1991) sein Afrika gefunden. Von einer Krebserkrankung beschädigt, plante er im vergangenen Jahr ein Opernhaus, ein „Bayreuth aus Lehm“ in Burkina Faso. Keine milde Gabe der ersten Welt an die dritte sollte es werden, sondern ein Austausch: Westlich Materielles gegen afrikanische Spiritualität. Schließlich habe das Abendland jede spirituelle Wurzel verloren.

Als der Katholik Schlingensief kürzlich zur Grundsteinlegung dorthin flog, erlebte er, wie Einwohner sich bei Christus für Mißgeschicke bedankten. Der Regisseur griff diese Demutslektion auf und bedankte sich bei Christus für seinen Krebs. Aber es gelang nicht.

Kultur der Entleerung

Die Verbitterung konnte nicht weichen. Zu sehr blieb er Kind prometheischer Kultur, die schon an der „Theodizee“-Frage (der Rechtfertigung Gottes in Anbetracht der Übel seiner Schöpfung) gescheitet war. Einer der ersten und mit einer Spende in Höhe von 100.000 Euro wohl wichtigsten Förderer von Schlingensiefs Opernprojekt ist der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich.

Auch für ihn bedeutet Afrika Zukunft. So versanken in seinem Endzeitspektakel „2012“ alle Kontinente in einem weltumgreifenden Inferno. Nur Afrika blieb verschont. Dort landeten im Finale die Archen der Überlebenden. Die Wiege der Menschheit wird zum Ort ihrer Zukunft. Die Sehnsucht nach einem imaginären „Afrika“ wird bleiben, solange der westliche Mensch seine Kultur der Entleerung aufrechthält – so lange, bis er sich seinen Ruin eingesteht, innehält und in spiritueller Hinsicht noch einmal von vorne anfängt.

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