Superwahljahr

 

Partisan gegen das „Staatskino“

Klaus Lemke, Regie-Einzelkämpfer seit den sechziger Jahren, brillierte mit Schundproduktionen wie „Arabische Nächte“ oder „Der Allerletzte“ (beide 1979). Eine damalige Zuschauerreaktion: „‘Der Allerletzte’ war das Allerletzte“. Trotzdem kurbelt Lemke auch als 70jähriger tapfer weiter, auf Videomaterial und mit Laiendarstellern. Immerhin lassen sich die Resultate noch für 130.000 Euro ans TV verkaufen, als Lückenstopfer fürs Nachtprogramm.

Daß der zähe Trash-Partisan auch den Sinn für schrille Werbe-Effekte nicht verlor, beweist sein aktuelles Filmmanifest „Papas Staatskino ist tot“, aus dem die Süddeutsche vergangene Woche einen Auszug kredenzte. Der Titel ist natürlich eine Anspielung auf das „Oberhausener Manifest“ (1962), bei dem Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Herbert Vesely und andere „Papas Kino“ – also Edgar Wallace-, Karl May- & Heimatfilme – für tot erklärten und einen „Jungen deutschen Film“ forderten. Durch dessen Realisation wurde Deutschland seit seiner Weimarer Glanzzeit (1918-33) wieder „zum interessantesten Filmland der Welt“ (Joe Hembus). Zumindest für 1 1/2 Jahrzehnte. Achternbusch, Kluge, Faßbinder, Syberberg, Schröter, Wenders oder Herzog sind nur die bekanntesten Namen aus jener hochproduktiven Phase. 

Zahlreiche europäische Länder begriffen zu jener Zeit, daß künstlerischer Wert und kommerzieller Erfolg nicht unbedingt zusammengehen. Daß Neuartigkeit und Inspirationskraft eines Kunstwerks oft Jahre später erst verdiente Anerkennung finden (so bei R. W. Faßbinders TV-Serie „Berlin, Alexanderplatz“ (1979)). Um trotzdem deren kostenaufwendige Produktion zu ermöglichen, entstanden staatliche Filmförderungen. Und wirklich, ohne deren Finanzspritzen wäre der „junge deutsche Film“ nie entstanden. Ebenso richtig ist jedoch, daß diese Gremien sich in vergangener Zeit zunehmend dem Kommerz verschrieben haben, Prestigeprojekte und Großfilme bezuschussen.

„Unsere Filme sind wie Grabsteine“

Nicht mehr fördern, „was es schwer hat“, sondern „was ohnehin die Kassen füllt“. Deshalb errichtet Lemke zu Beginn des Pamphlets zwei Fronten: „Ich fordere Innovation statt Subvention.“ (Ob die Ähnlichkeit mit dem FDP-Slogan „Investition statt Subvention“ beabsichtigt war?)  „Der Staat soll seine Griffeln aus dem Film endlich wieder rausnehmen. 13 Jahre Staatskino unter Adolf und die letzten 40 Jahre staatlicher Filmförderung haben dazu geführt, daß der deutsche Film schon in den Siebzigerjahren auf Klassenfahrt in der Toskana hängenblieb“. Lemkes kulturkritischer Kernsatz: „Wir bauen die schönsten Autos. Wir haben die schönsten Frauen. Aber unsere Filme sind wie Grabsteine.“ Der deutsche Gegenwartsfilm sei „brav“, „banal“, „begütigend“, kurzum unerträglich. Dabei müsse Film doch  „wirken“.

Natürlich sind deutsche Gegenwartsregisseure wie Oskar Roehler oder Vertreter der „Neuen Berliner Schule“ zum davonlaufen, aber deshalb gleich auf Marktradikal machen? Immerhin bietet auch der privatfinanzierte Film keine Ruhmesgeschichte. Der beste Beweis sind Lemkes eigene Streifen. Die entstanden in Selbstfinanzierung, provozieren aber nur eine Wirkung: Man schaltet nach wenigen Minuten ab. Um so schlimmer, wenn solcher No-Budget-Schund noch Selbst- und Fremdausbeutung rechtfertigen soll.

Lemke freut sich: „Vor ein paar Wochen wurde klammheimlich die englische Filmförderung eingestellt – die einzig erfolgreiche in Europa. Aber eben auch vollkommen unnötig. Der Förderwahn führte den englischen Film ins Nirwana.“ Ob die Förderung von Derek Jarmann, Peter Greenaway und Sally Potter wirklich „vollkommen unnötig“ war, sei dahingestellt. „Geld vom Staat ist immer ein Tritt gegen die eigene Kreativität“ (Lemke).

Banalitätsfixierte Gegenwart

Klar können spießige Gremien wie eine Boa constrictor jeden Kreativimpuls abwürgen. Aber das haben geschäftstüchtige Produzenten auch zur Genüge praktiziert. Hollywood dreht derzeit die zweiten, dritten, vierten und fünften Fortsetzungen seiner letzten Erfolge. Oder man zermatscht originelle Themen zu fadem Einheitsbrei (aktuelles Beispiel: „Inception“ (2010)).

Nein, es ist die banalitätsfixierte Gegenwart, die zwanghafte Verdrängung des seelischen Elends, die alle Ausdrucksformen herunterwirtschaftet. Auch beim Film. Egal, wer oder was ihn finanziert.

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