Odysseus in Ithaka

In der sagenhaften Zeit, als der deutsche Anteil am sogenannten Rettungspaket keine 150 oder 23 Milliarden Euro betrug, sondern läppische acht, und als Griechenland die noch nicht einmal ausgezahlt haben wollte, Gott bewahre, sondern die es lediglich als moralische Wegzehrung auf der langen Straße der Sanierung benötigte, da sagte Ministerpräsident Giorgos Papandreou seinen Landsleuten, sie erwarte eine „neue Odyssee“.

Als Trost fügte er hinzu: „Wir kennen aber den Weg nach Ithaka.“ Das war vor sechs Wochen, doch ist mir seitdem immer noch nicht klar geworden, was Papandreou eigentlich meinte. Anders ausgedrückt, die Analogie zwischen der mythischen Vorlage zur Gegenwart will sich mir nicht herstellen.

Von Ithaka brach Odysseus in den Trojanischen Krieg auf. Er ließ seine Frau Penelope und das Söhnchen Telemach zurück. Nach langer Irrfahrt kehrte er als Bettler verkleidet zurück, um zu Hause einen großen Saustall vorzufinden. Im Palast lungerten die Freier herum und bedrängten Penelope als die vermeintliche Witwe, die einen neuen König an ihrer Seite brauchte.

„Kotfresser genießen die gleichen Rechte“

Odysseus ist erschüttert: „Mit Schweigen sehe ich den Königspalast, der unter dem Fraß der Schmarotzer verfällt. Nichts unheilvoller als ein Bündel Edelleute ohne den Fürsten. Sie denken und herrschen nach Art der Fellachen, da ihnen keiner im Rang voransteht. Unaufgeräumt liegt das liebe Haus und liederlich wohnen die Gäste. (…) Auf Tischen und Bänken liegen die Reste vom unaufhörlichen Schmausen. In den Kammern quieken die Mägde beim Beischlaf.

Welch wüstes Gesindel befiehlt die Geschicke von Ithaka! Gibt es noch einen letzten rechtschaffenen Menschen unter den Frevlern? (…) Als stimmte der Dichter ein Loblied an auf die Ratte. Die verlorene Unterscheidung befördert die Anbetung der Unverschämtheit. Die Kotfresser genießen die gleichen Reche wie die Milchtrinker. Zaghafte Jünglinge erhalten Trophäen, weil sie sich niemals an einer Waffe vergriffen.

Das Volk drängt, und sein Grollen ist deutlich vernehmbar. Doch eh es das feiste Geschmeiß außer Landes jagd, sind seine Kräfte schon selber verdorben, dahingerafft vom Keim der Genußsucht. Diese Prasser lehren das Volk stets mehr zu verzehren, als es erwirtschaften kann, Kind und Kindeskinder nicht mehr bedenkend. So schleicht die Seuche gesetzloser Verschwendung vom Palast über die ganze Insel.

Hier tagt keine Versammlung von Freiern mehr, dies ist ein Vorspiel neuer Regierung. Niemanden siehst du, der noch der Nebenbuhler des anderen wäre, ein Widerstreiter nach alter Sitte. Längst sind die Schwächlinge untereinander verbündet und erstreben gemeinsame Macht, allen gleichen Vorteil bringende Macht über die Inseln und weite Teile des Festlands. Das Erbe des Odysseus zu tilgen, haben sie dieses Bündnis gestiftet.“ (Botho Strauß, „Ithaka“)

Griechenland will sich gleichberechtigt suhlen

Zur Auslöschung des Erbes kommt es bekanntlich nicht, denn der König und sein Sohn säubern mit starker Hand den Saustall von den Parasiten. Niemand wird Griechenland ernsthaft zutrauen, im EU-Europa die Rolle des Odysseus zu übernehmen.

Papandreous Worte sind ganz anders gemeint. Der Stall soll gar nicht ausgemistet werden, Griechenland will sich nur wieder gleichberechtigt in der Schweinesuhle wälzen dürfen.

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