Material DDR V: Wirtschaft

Zum Lehrbuchwissen über die DDR gehört, daß sie vor allem an ihrer „maroden Wirtschaft“ zugrunde gegangen wäre. Und selbst wenn die meisten Volkswirtschaftler diese sehr makroökonomische Diagnose abnicken, müßte sie immerhin für viele Nationen der Welt das Ende ihrer Staatlichkeit bedeuten, was allerdings nicht der Fall ist.

Gefragt werden müßte, ob die DDR-Wirtschaft mit der Westwirtschaft überhaupt vergleichbar ist. Von ihren Eigentumsverhältnissen her jedenfalls nicht und schon gar nicht darin, daß die Staatswirtschaft nur unter politischer Regelung und Planung erfolgte. Dazu gehörte nicht nur der starre Plan selbst, sondern der soziale Luxus einer kostenlosen Gesundheitsbetreuung, subventionierte Preise und Mieten und eine Vielzahl von Theatern und Orchestern in kulturell reicher Landschaft. Alle Studenten und in den Achtzigern sogar alle Abiturienten erhielten ein staatliches Stipendium und waren so von den Eltern unabhängig.

Eine Relation ergibt sich freilich: Offenbar war die DDR-Wirtschaft nicht annähernd in der Lage, die Konsumbedürfnisse ihrer Bevölkerung so zu befriedigen, wie es die bundesdeutsche Wirtschaft nach dem Wirtschaftswunder immer vermochte. Die Fixiertheit auf dem Westen hatte daher nicht nur mit Freiheit und Demokratie, sondern noch mehr mit Gervais-Obstzwergen und Volkswagen zu tun.

Kredite im Westen waren erst mit Beginn der Entspannungspolitik möglich

Es verblüfft vielleicht, daß die DDR zeitweise zu den zehn führenden Ländern der Weltindustrieproduktion gehörte, bis sie den Wettlauf um die Informationstechnologie verlor. Dysfunktional wurde sie seit den Siebzigern vor allem dadurch, daß sie zur Finanzierung von Honeckers Hauptaufgaben-Politik, der „Steigerung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus“, Kredite im Westen aufzunehmen begann, was so erst mit Beginn der Entspannungspolitik im Zuge des KSZE-Prozesses möglich war.

1981 war die Schuldenlast im Westen auf 23 Milliarden DM angewachsen. Die Wunschvorstellung Honeckers, kreditfinanzierte Technikimporte aus dem Westen durch eigene Exporte in Hartwährungsländer auszugleichen, scheiterte. Viel zu viel gepumptes Geld floß in den Import von Getreide, Futter und Konsumgütern.

Der Alptraum aber begann, als die Sowjetunion 1981 weltmarktbedingt ihre Öllieferungen drosselte, die für die DDR um so wichtiger waren, da sie aus dem vergleichsweise billigen Rohöl in Schwedt hochwertige Derivate herstellte, die sie gegen Devisen weiterverkaufte. Honecker ließ bei Breschnew anfragen, ob es ihm zwei Millionen Tonnen Erdöl wert seien, die DDR zu destabilisieren. Der übermittelte, er habe bei seiner Unterschrift unter diese Festlegung geweint. Sentimentalität unter Brudervölkern.

Die DDR ging an ihren politischen Prinzipien unter

1983 stand die DDR wegen ihrer Kreditzinsen am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Der heute mystifizierte Milliardenkredit unter Vermittlung von Franz Josef Strauß erscheint da als Tropfen auf den heißen Stein, und die DDR legten das Geld größtenteils im Westen auf die hohe Kante, um kreditwürdiger zu erscheinen. Die Waffengeschäfte, der Import von Westmüll, der Verkauf historischen Straßenpflasters, Zwangsumtausch und die perversen Häftlingsverkäufe haben mit diesem Finanzdesaster zu tun.

Es war nicht zuerst die wirtschaftliche Physis, an der die DDR unterging, sondern die politischen Prinzipien, nach denen sie laufen sollte. Als mit der Währungsunion über Nacht das Rennen Trabi gegen Mercedes eröffnet war, als der DDR-Wirtschaft gleichzeitig alle Ostmärkte wegbrachen, aber neue Marktanteile gegen die effiziente Firmen des Westens nicht gewonnen werden konnten oder sollten, kam es zum Kahlschlag, aus dem bis zum heutigen Tag nur die wenigen schicken Innovationsleuchttürme ragen.

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