Internet und Sexualrevolution, Teil 2

„Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt die sexuelle Freiheit sich kompensatorisch auszuweiten“, stellte Aldous Huxley 1949 im Vorwort zur Neuausgabe seines Buches Brave New World fest. Im großen und ganzen hat er sicher recht.

Zwar handelt es sich hier um kein (empirisch-naturwissenschaftliches und erst recht um kein „logisches“) Gesetz, sondern lediglich um eine Beobachtung des sozialen Lebens, gegen die sich andere Beispiele anführen lassen, aber es ist schon auffällig, daß Zeiten und Gesellschaften mit rigider Sexualmoral eine für heutige Verhältnisse zuweilen erstaunliche Freiheit in geistigen und weltanschaulichen Angelegenheiten erlaubten (man denke an den Bismarckschen und Wilhelminischen „Obrigkeitsstaat“ sowie die Adenauer-Ära), während sexuelle Freizügigkeit durchaus mit geistiger Unduldsamkeit einhergeht.

„In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluß von Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk“, so Huxley weiter, „wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen“, die „Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“

„Demokratisierung“ der Gesellschaft

Zwar hatte der Bestsellerautor damals vor allem die sozialistischen Diktaturen mit ihrem Bedarf an möglichst willenlos funktionierenden Arbeitssklaven im Blick, und manche Aspekte seiner Utopie sind seit der Transformation der Industrie- in die Hightech- und „Wissensgesellschaft“ obsolet geworden – um so interessanter ist aber die Frage, inwiefern seine moderne Version der „Brot-und-Spiele“-Regel unter wesentlich komplexeren Bedingungen immer noch gilt.

Sicher ist sie nicht an eine kategorische Unterscheidung von Demokratie und Diktatur gebunden; die Sexualrevolution fand innerhalb der Demokratie statt beziehungsweise erstrebte – analog zur Forderung des „demokratischen Sozialismus“ nach einer „Demokratisierung“ der Wirtschaft, in welcher aufgrund des „Privateigentums an Produktionsmitteln“ noch die alte „Erbmonarchie“ gelte – eine „Demokratisierung“ der Gesellschaft und beförderte dadurch die Nivellierung der öffentlichen Meinung.

Loveparade und Internet-Pornographie, zunehmende Verstaatlichung der Erziehung und „Gender-Mainstreaming“, Enttabuisierung der Sexualität sowie Aufstellung und Durchexerzierung neuer, etwa geschichtspolitischer, Tabus vollzogen sich gleichzeitig und sind zwei Seiten einer Medaille.

Ohne Massenmedien keine Sexualrevolution

Die immer neue Reglementierungen fordernde Gender-Quotenfrau ist gleichsam die häßliche, prüde Schwester der schrillen Luder, Transvestiten, „Metrosexuellen“ und „Drag-Queens“ (in Ausnahmefällen können diese Schwestern auch als Lifestyle-Homunculi in einer Person vereint auftreten und werden dann, zumal wenn sie, wie die Rapperin und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Doktorandin Lady Ray Bitch, noch einen „Migrationshintergrund“ haben, von den Medien als Beispiele besonders gelungener Integration präsentiert.

Dies erscheint nur äußerlich verwunderlich, denn bei jeder „klassischen“ Revolution folgt auf den jugendlichen Revoluzzer der feiste Beamte, und während einer schleichenden Revolution, die die Institutionen mehr oder weniger unangetastet läßt, treten beide Typen, der „schicke“ und der „seriöse“, gleichzeitig auf und spielen sich die Bälle zu.

Der subjektiv durchaus ernstgemeinte Wille zur Demokratisierung kann, insofern mit ihm eine Schwerpunktverlagerung von formalen Verfahrensweisen (Wahlen, Mehrheitsprinzip) zu bestimmten Inhalten („tatsächliche Gleichheit“, Toleranz ohne Ansehung des Wertes bestimmter Positionen) einhergeht und die Geltungsbereiche aufgelöst werden (Abkoppelung von Demokratie und Nation), gerade das Gegenteil bewirken und ein neues, postdemokratisches Zeitalter einleiten.

Und ebenso dämmert derzeit als – utopisches – Endergebnis der sexuellen Befreiung des Menschen eine Befreiung von der Sexualität überhaupt in Gestalt des postsexuellen oder seine Sexualität „frei wählenden“, Gender-Androiden. Ohne die Massenmedien wäre die Sexualrevolution nicht möglich gewesen. Keine soziale oder kulturelle Bewegung kann heute noch ohne das Internet auskommen, aber auch jede Gegenbewegung, die die herrschenden Verhältnisse in Frage stellt, kann und muß es nutzen.

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