Internet und Sexualrevolution, Teil 1

Vielleicht waren die Playboy-Hefte, Pin-up-Girls und Erotikversandhäuser, später die „Jodelpornos“ im Fernsehen die noch etwas verschämten Vorboten: Seit der Einführung des Privatfernsehens in den achtziger und dem Siegeszug des Internet in den neunziger Jahren – also der Eroberung nicht nur des öffentlichen, sondern auch des privaten Raumes durch die Massenmedien – ist die totale Pornographie unser Schicksal.

Wie so oft ergänzten sich die durch den Primat des Materiellen und Ökonomischen vereinte „linke“ und „liberale“ Stoßrichtung: Der Kampf gegen Ehe und Familie sowie für die Gleichstellung der Homosexuellen einerseits und die kommerzielle Ausbeutung des Erotischen andererseits marschierten Seit’ an Seit’.

War es bis in die achtziger Jahre noch üblich, sich als Jugendlicher den ersten Kuß in aller Heimlichkeit zu geben, junge unverheiratete Frauen mit „Fräulein“ anzureden und, wenn auch mit weiterreichenden Hintergedanken, zum Tanzen auszuführen, so ist es heute völlig normal, Pornofilme im Internet nicht etwa nur zu konsumieren, sondern im Schlafzimmer oder wo auch immer selbst zu drehen und „hochzuladen“, der frisch kennengelernten Freundin oder dem Freund Aktfotos auf’s Handy zu schicken oder künftige Partnerinnen und Partner in Onlineforen nach ihren sexuellen Vorlieben auszuwählen.

Privates wird „öffentlich“ und „politisch“

Es ist meine Generation, die der jetzt Vierzigjährigen, die diesen Umbruch so miterlebt hat, daß sie mit einem Fuß noch in der alten, mit dem anderen in der neuen Zeit steht. Wer älter und noch mit Händchenhalten aufgewachsen ist, wird es auch heute noch unpassend finden, nach dem ersten Date gleich ins Bett zu gehen, und wer als Dreizehnjähriger schon alles gesehen und als Sechzehnjähriger alles gemacht hat, wird die schulische Erziehung zur Kondombenutzung ziemlich spießig finden.

Vielleicht ist er dann mit dreißig auch schon so übersättigt, daß er meint, sich irgendwelche Präparate aus dem Internet bestellen zu müssen? Parallel zur allgemeinen Sexualisierung nahm bekanntlich die sexuelle Betätigung immer weiter ab oder wurde durch das Internet „virtualisiert“. Auch in dieser Hinsicht ging der Schuß der Sexualrevolutionäre nach hinten los beziehungsweise fand gar nicht mehr statt.

Wenn immer mehr enthüllt wird oder Privates „öffentlich“ und „politisch“ werden muß, wie es den ideologischen Vorgaben entsprach, müssen die Reizschwellen immer weiter erhöht werden. Fallen dann die letzten Tabus, herrscht Langeweile; und aufgrund neuronaler Technologien, mit denen man eines nicht mehr fernen Tages das Lustzentrum des Gehirns direkt stimuliert (oder von einer „wohlwollenden“ Obrigkeit stimuliert bekommt), braucht man den Umweg über die Sexualität vielleicht gar nicht mehr, und der sexuell befreite Mensch ist zuletzt der postsexuelle.

Traditionelle Codes gelten nicht mehr

Ganz so weit ist es heute noch nicht. Das derzeitige Zwischenergebnis der medial vermittelten Sexualisierung und totalen Pornographisierung ist eine allgemeine Unübersichtlichkeit. Frauen jenseits der fünfzig arbeiten ihre prüde Jugend auf, indem sie ihre Freizeit in Swingerclubs verbringen, und in jugendlichen Subkulturen wie der „Straight-Edge“-Bewegung wird freiwillige Askese betrieben.

Lernt man über das Internet eine potentielle Partnerin oder einen potentiellen Partner kennen, was dank zahlloser Singleforen sicher leichter und unkomplizierter möglich ist als früher, herrscht oft Unsicherheit, wie man sich zu verhalten hat, weil traditionelle Codes und Reihenfolgen nicht mehr unbedingt gelten. Ist man aufgrund der Anonymität der Korrespondenz per E-Mail schon nach zwei Tagen recht „intim“ geworden, folgt daraus beim ersten Treffen durchaus keine „Vertrautheit“, sondern zu der üblichen Aufregung kommt eine irritierende Mischung aus Nähe und Distanz hinzu.

Das im schlechten Sinne konservative Lamento über den allgemeinen Sittenverfall, das zu allen Zeiten angestimmt wurde, soll hier freilich nicht wiederholt werden. Der Nutzen des Internets überwiegt seine problematischen Seiten bei weitem, die sexuelle Befreiung hatte auch ihr Gutes, das nicht in der – allerdings gefährlichen – politisch instrumentalisierten und letztlich totalitären Zerstörung des Privaten, sondern in der Bejahung des Natürlichen lag, und der „Wille zum Rausch“ ist eine anthropologische Konstante, die gerade auch in einen humanen konservativen Gesellschaftsentwurf integriert werden muß.

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