Herren und Diener

Gehören Sie zum Personal? Dann dürfen Sie sich demnächst auch für teuer Geld einen schönen neuen „Personalausweis“ verpassen lassen. Mit vielen leicht auslesbaren Personal-Identifikations-Merkmalen darauf, damit Sie sich auf keinen Fall einfach verdrücken können, wenn Ihre Chefs mal wieder was von Ihnen wollen.

Ach, Sie wollen niemandes Knecht sein? Sie fühlen sich als freier, aufgeklärter Mensch und erkennen keinen Herrn an als den bestirnten Himmel über und das moralische Gesetz in Ihnen? Pech gehabt, die Obrigkeit sieht das anders.

In den meisten zivilisierten Ländern, in unseren europäischen Nachbarländern sowieso, heißt das persönliche Identifikationsdokument korrekt genau so: Identitätskarte. Zu deutsch: Kennkarte. So hieß der „polizeiliche Inlandsausweis“ in Deutschland auch, als er 1938 eingeführt wurde.

Aber o je, die Kennkarte diente auch der Judendiskriminierung, und in den besetzten Gebieten bekamen die Unterworfenen ebenfalls ihre Zwangs-„Kennkarta“. Ein neuer Name mußte her – auch wenn der treffendere Begriff „Kennkarte“ sich vor allem bei den Älteren noch lange gehalten hat.

Möglicherweise britischer Übersetzungsfehler als Ursache

In Südtirol heißt der entsprechende Ausweis übrigens immer noch „Kennkarte“, in der Schweiz und Liechtenstein spricht man von „Identitätskarte“. Nur Österreich hat sich dem deutschen Unwort „Personalausweis“ angeschlossen. Dafür herrscht in der Alpenrepublik wenigstens keine Ausweispflicht.

Möglicherweise war es ein Übersetzungsfehler der britischen Besatzungsbehörde, der aus dem schon in den zwanziger Jahren in einigen Ländern des Reichs eingeführten „Personen-Ausweis“ den „Personalausweis“ machte. Andere erklären den häßlichen Namen mit der Ableitung von „Personalien“. Mißverständlich bleibt die Bezeichnung „Personalausweis“ auch dann.

Doch ob Schlamperei oder Absicht: Der amtliche und niemals korrigierte Sprachgebrauch ist verräterisch. Er zeugt nämlich von mangelndem Respekt vor den Bürgern, dem Souverän, den Politiker ja auch sonst gerne mit verächtlichmachenden Ausdrücken belegen. „Verbraucher“ ist noch so eine semantische Frechheit, die den Menschen auf seine Funktion im Stoffwechselkreislauf und als Rädchen im Konsumkarussell reduziert.

Chip kann per Funk erfaßt werden

Es bleibt ja auch nicht beim herablassenden Sprachgebrauch gegenüber dem Volk. Selbst Polizeifachleute und sogar ein – offenbar tatsächlich liberaler – Regierungspolitiker warnen vor dem neuen Dokument in Scheckkartenform, weil die veraltete Technik vor allem der staatlich geförderten Billig-Lesegeräte der Ausspähung Tür und Tor öffnet.

Selbst das ließe sich noch mit Geiz oder Oberflächlichkeit erklären. Mißtrauisch macht allerdings, daß die Daten im „e-Perso“ nicht auf einem Normalchip gespeichert sind wie bei Bankkarten, die nur im direkten Kontakt mit einem Lesegerät identifiziert werden können, sondern auf einem RFID-Chip, der dank Funktechnik auch „im Vorbeigehen“ erfaßt werden kann.

Soll also demnächst jeder Staatsbürger seinen persönlichen Überwachungssender ständig in der Tasche tragen? Tatsächlich könnte der neue Ausweis nicht nur in Firmen die Stechkarte zur Arbeitszeiterfassung ersetzen, womit wir wieder beim „Personalausweis“ im ursprünglichen Sinne wären.

Muß man sich über solch rabiate Reaktionen wirklich wundern?

Auch das Anlegen komplexer Bewegungsprofile ist mit dem neuen Wunderausweis denkbar. Schon kursieren im Internet Empfehlungen, wie man den Funk-Chip im neuen Ausweis gleich nach Erhalt unbrauchbar machen kann, um möglichem Mißbrauch vorzubeugen.

Muß man sich über solch rabiate Reaktionen wirklich wundern? Politiker vergessen nur allzu gern, daß sie qua Amt und Verfassung Staatsdiener sind. Sie verwalten im Auftrag des Volkes, das sie durch Wahlen beruft und, nebenbei bemerkt, von ihren Steuergeldern auch bezahlt, das Gemeinwesen.

Deshalb aus gegebenem Anlaß die immer aktuelle Ermahnung: Liebe Politiker, auch wenn ihr euch unverbesserlich so benehmt: Ihr seid keine Feudalherren, und wir sind nicht eure auf Schritt und Tritt zu kontrollierenden Dienstboten. Im Gegenteil: Ihr seid das Personal dieser Republik. Wir sind das Volk! 

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