Hegels Verschwinden

Die Berliner Humboldt-Universität feiert ihr 200jähriges Bestehen. Dazu präsentiert das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum eine Ausstellung: darunter diverse Urkunden, ein alter Bücherkarren der Universitätsbibliothek, Forschungsgerät und – laut taz-Bericht – sogar Hegels Schreibtisch. Immerhin hat der Philosoph die letzten 13 Jahre seines Lebens dort unterrichtet.

Leider hielt diese Nachricht der Überprüfung nicht stand. Weit und breit kein alter Holztisch. Auch das Personal wußte von nichts. Stand er nie da? Oder kam er abhanden? Schade. Immerhin repräsentiert Hegel – und damit auch sein Schreibpult – ein Bildungs-Verständnis, von dem die Gegenwart (immer noch) Lichtjahre entfernt ist. Man erinnere an seinen Kraftakt, das damalige Wissen zu einem weltumfassenden System zusammenzufügen.

Stopfen, stopfen, stopfen

Gewiß, seine Konstruktion ließ so manches unbeachtet und brach nach dem Tod des Schöpfers in sich zusammen. Aber das Bemerkenswerte ist die Motivation, eine solche Synthese zu erstellen: Hegel benutzte das Wissen, um sich Rechenschaft zu geben – über die Welt, ihre Bedeutung und seinen Platz darin. Das heimliche Ziel: die eigene Angst vor der Vergänglichkeit, sein „unglückliches Bewußtsein“ durch spekulatives Wissen zu therapieren.

Wissen befreit den Menschen von seiner Angst, darin war er ein Aufklärer par excellence. Niemand konnte ihn bremsen, auch sogenannte Autoritäten nicht. So verkündete Hegel in der Berliner Antrittsrede, er wolle sich Kants Postulat von der Unerkennbarkeit metaphysischer Wahrheit nicht bieten lassen.

Derart existentiell betrieben, wird der Erkenntnisprozeß ekstatisch. Wenn der Geist das Sinnliche erfaßt, entstanden dem Philosophen wahre „Lichtgüsse“ und „die Gestaltung verzehrende Feuerströme”. Heute, fast 200 Jahre danach, erinnert universitäre Wissensvermittlung an eine Mastanstalt: stopfen, stopfen, stopfen. Möglichst schnell und „effizient” soll der Student schlucken, eingesperrt im Käfig des Stundenplans.

„Tod als Erlöser von der Information“

Der Dozent ist inzwischen „Dienstleister” für Wissensvermittlung, der Informationen in die Köpfe der Studierenden pflanzt. Da gären sie dann, ohne Querbezüge zueinander, unvernetzt vor sich hin. Schließlich birgt jedes Sich-Rechenschaftgeben im Hegelschen Sinne die Gefahr der Enttarnung, der Entdeckung moderner Leere und des  – daraus folgenden – Handtuchwerfens, wenn nicht gar des Stricks: Schon Guido Ceronetti hat den „Tod als Erlöser von der Information“ gefeiert. 

Nur zwei Straßen vom Grimm-Zentrum entfernt, Am Kupfergraben, ist Hegel ebenfalls am Verschwinden. Dort hatte er einst seine Wohnstätte, Hausnummer 4 b. Okay, das Haus wurde im Krieg zerbombt, aber die zurückgebliebene Brache wies auf‘s Vergangene. Jetzt wird dort gebaut. Will man sein Haus etwa rekonstruieren? Natürlich nicht! Das Bauprojekt, „Pergamon Palais“, wirbt mit künftigen Penthouse-Räumen zum Wohnen und Arbeiten. Mit prachtvollem Ausblick auf die Museumsinsel. Eine verlockende Belohnung für alle, die sich vom Informationsmüll nicht erlösen wollten. 

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