„Geschichtsrevisionismus“ II

Waren es im Dritten Reich „die Nazis“, so waren es laut simpler Geschichtsdeutung in der DDR „die Kommunisten“, die als vermeintlich politisch Perverse und Schuldige für eine erschöpfende Erklärung der Phänomenologie der „ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ herhalten mußten.

Und existiert für eine Interpretation des Dritten Reiches zumindest der Noltesche Begriff des „kausalen Nexus“, so lese ich eigentlich nirgendwo, daß die DDR ohne die Geschichte der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, ohne Kenntnis des Marxismus, ohne die Geschichte der Sowjetunion in der Ära Stalin, ohne den Zweiten Weltkrieg und den daran fast nahtlos anschließenden Kalten Krieg zweier Blöcke und System nicht mal ansatzweise zu verstehen ist.

DDR als isolierter Feldversuch

Das soll aber zusammenhangslos geschehen! Die DDR wird kaum aus den Gründen heraus gezeigt, die zu ihrer Entstehung und vierzigjährigen Existenz führten, nein, sie ist in den Lehrbüchern – in der Hinsicht ähnlich dem Dritten Reich – wiederum als eine Art freimütiger isolierter Feldversuch dargestellt.

Danach tauchten Stalinisten, beginnend mit der Gruppe Ulbricht, von irgendwoher wie exterrestrisch auf und versündigten sich an einem Land, seinen Bürgern und Ressourcen, indem sie Andersdenkende verfolgten, die Stasi aufbauten, die Mauer errichteten, die Heranwachsenden indoktrinierten, bis die aufgeklärten Bürger dann endlich so mündig und mutig waren, das Regime in einem heldenmütigen Akt von Zivilcouragiertheit zu stürzen.

Die Sowjetunion als A und O des SED-Regimes

Man entschuldigt nichts an der DDR und man nimmt der Leistung ihrer Menschen auch nichts weg, wenn man wenigstens klarstellt, daß die DDR ohne den Kalten Krieg und ohne die Sowjetunion überhaupt gar nicht zu denken ist. Beides, die Geschichte des Kalten Krieges und die Geschichte der Sowjetunion markieren sehr genau ihren Anfang und ihr Ende, sind ihr A und O, ihr geschichtlicher Eingang und Ausgang.

Das sagt nichts über die individuelle Verantwortung von Politikern, Ökonomen, Spitzeln und Mauerschützen. Im Gegenteil, das stellt nur sicher, daß es die vielfach beschworenen Pathologien innerhalb der Geschichte so nicht gibt, sondern eben nur die Geschichte selbst ebenso wie die Tragödie alles Menschlichen.

Freiheit setzt Widerstand voraus

Wer in laufende Prozesse hineingeboren wird, muß sich zu ihnen verhalten, indem er zu fühlen, zu denken und zu handeln beginnt. Im Zuge dessen wird er manche Möglichkeiten haben, andere nicht; handelt er, weil er sich nicht vor seinen Lebensumständen verbergen oder zum Neutrum werden kann, so wird er um Schuld nicht herumkommen und sich auch dazu verhalten müssen.

Es gibt kein geschichtliches oder politisches Milieu, das ihm Verantwortung für Entscheidungen abnimmt und ihn sichert, obwohl immer Determinanten wirken, in denen wir uns zu entschließen haben. Freiheit ist nur in einer uns Widerstände entgegensetzenden Welt überhaupt denkbar, meint Sartre. Das ist nicht nur das Problem des Existentialismus.

Der neue Mensch entsteht nicht durch die Bundeszentrale

Ich halte nichts davon, auf didaktische Weise den Eindruck erwecken zu wollen, der Mensch könnte hier ein besserer, dort ein böserer, jetzt ein guter, gestern nur ein verbrecherischer sein, wenn die Gesellschaft selbst von handelnden Menschen bestimmt wird, die sich in Situationen verhalten, Motiven folgen und Vorstellungen entwickeln.

Ich verstand früher nicht, was der Sozialismus mit dem „neuen Menschen“ meinte, den er schaffen wollte. Ich konnte mir diesen neuen Menschen ebenso wenig vorstellen wie den Kommunismus oder das Himmelreich. Es geht mir heute nicht anders: Ich sehe weder einen neuen oder besseren Menschen noch eine Gesellschaft, die sich gegen Ungemach, Schrecknisse und Grausamkeiten immunisieren kann, indem sie Veranstaltungen der Bundeszentrale für politische Bildung besucht oder an politisch korrekten Oberstufenkursen in Geschichte teilnimmt.

Benn: „Rechne mit deinen Defekten.“

„Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch …“, so singt der Chor in Sophokles’ „Antigone“. Das entschuldigt nichts. Das könnte aber dazu ermutigen, daß man erst mal hinsieht, bevor einen dann das heilige Schaudern wie ein Reflex ergreift, daß man also zu verstehen versucht, was war und was ist. Eine andere Möglichkeit hat man nicht; und man kann sich dann schon wieder irren und in die nächste Schuld geraten, ebenso wie man andererseits manch gute Möglichkeit haben mag, wenn man um die Abgründe und zahllosen Vergeblichkeiten weiß und nicht immer nur Recht haben will.

Gottfried Benn, las ich, hatte in recht auswegloser Kriegssituation als Militärarzt in Landsberg/Warthe einen Zettel an seinen Badezimmerspiegel geklemmt, den er jeden Morgen beim Rasieren las, um mit folgender klugen Notiz seinen Tag zu beginnen: „Erkenne die Lage. Rechne mit deinen Defekten.“ Diesen Ratschlag finde ich nahezu weise. Und: Wer schafft schon beides? Man kann es nur immer wieder neu versuchen.

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