Geriatric Park

Meine Heimatregion vergreist und bietet insofern so etwas wie einen soziologischen Feldversuch für Deutschlands Zukunft. Man sehe sich nur den Balken für meinen Geburtsjahrgang 1964 in einem demographischen Lebensbaumdiagramm an, und man weiß, wie einem Deutschland im Jahr 2034 begegnet, wenn ich dann selbst siebzig wäre. 

Erst verloren hier die Dörfer durch die Effektivierung der Landwirtschaft, durch industriellen Kahlschlag und Abwanderung ihre Lebendigkeit, jetzt nach und nach die Menschen selbst. 

Die ersten, die sich morgens bewegen, sind die Kleinwagen der diversen Altenpflegedienste, die bald von Tür zu Tür fahren wie früher das Postauto. Eingetaktet in knapp bemessene Normzeiten mit klaren Minutenangaben und bestimmt von streng zu handhabenden Abrechnungsmodalitäten im Excel-Format, erfolgt die professionelle Zuwendung.

Alles ist Ware, auch das beschwerdearme Altern. Gerade das will erkauft und bezahlt sein. Ökonomisch folgerichtig boomt der Markt der Altenpflege und ist hart umkämpft! Das Spektrum der Angebotspalette reicht vom einfachen Standard der unteren Pflegestufe bis zum XXL-Paket der komfortablen Rundumversorgung, gewissermaßen als Flatrate für demente und multimorbide Patienten resp. Kunden.

Alles fit und hip! 

Dergleichen taugt längst für neue tragfähige Geschäftsideen, zumal der Staat die medizinischen Versorgungen weitgehend „outgesourct“ und privaten Gewinninteressen geöffnet hat. Wo ein Markt ist, da braucht es findige Geschäftsmänner. 

In meiner Gegend steht dafür ein besonders engagiertes Jungunternehmen, gewissermaßen der Daimler unter den Pflegern der Umgebung. Die smarte Website vermittelt einen exemplarischen Eindruck in das ästhetische Lifting einer Branche, die früher naturgemäß ein etwas ältliches Gesicht hatte. Heute ganz anders: Alles fit und hip! Und wo die Ästhetik geglättet wird, da fehlt es nicht an einfühlsam ethischer Argumentation im Hochglanzprospekt. Für das Finanzielle gibt es einen Download und das Angebot eines unverbindlichen Kostenvoranschlags.

Solche innovativen Allrounder versorgen zwar ebenso mobil wie die konventionellen Anbieter, entwickeln für ihre Rendite aber eine besonders effiziente Idee. Das miefige Pflegeheim ist out, altersgerechtes Wohnen heißt das neue Zauberwort. Ganz abgesehen davon, daß die Abrechnungsparameter mehr versprechen. Besondere Produktivität wird dadurch erreicht, dass man Bewohner aller Pflegestufen in einem Mehrgeschosser interniert, selbstverständlich in separierten Wohneinheiten.

Clusterung in einer Art Edelreservation

Das sieht dann zwar aus wie ein hypermodernes Pflegeheim oder besser eine „Altersresidenz“, ist aber als altersgerechtes Wohnen deklariert. Quasi verbraucherfreundlich zusammengefasst und gebündelt. Clusterung in einer Art Edelreservation.

Der Clou: Das volle medizinische und Pflegeprogramm wird am Ort stationär viel bequemer geliefert, als wenn die Pflegerinnen mit dem Opel-Corsa von Haus zu Haus und von Aufgang zu Aufgang kutschen. Alles integriert, so wie Supermärkte und Einkaufscenter ja besser funktionieren und sich besser rechnen als Tante-Emma-Läden. Man kann die  älteren Herrschaften gleich zusammengefaßt im Kleinbus zur Dialyse fahren, wenn man die nicht auch gleich ins Programm integriert.

Gezahlt wird für den internen Service vom Kunden nur die Miete, den größten Rest tragen die Krankenkassen und die Pflegeversicherung, bei denen selbst intensivmedizinische Versorgungen so gut abgerechnet werden können, daß die Profitspanne für die Gerontounternehmen stimmt, gerade wenn sie en gros wirtschaften. Mit großen Mengen funktioniert es am ehesten kostendeckend. Eine Heimbeatmung wird monatlich bspw. mit 35.000 Euro abgegolten. Da kommt auch für die Firma genug bei rum.

Sicherheit mit Dividende

Dagegen ist zunächst gar nichts zu sagen. Ein Schulbeispiel der BWL für eine Art Win-win-Prinzip. Allen ist geholfen! Praktischer Utilitarismus. Und in einer strukturschwachen Region dürften solche Sonderprofite wie in der privaten Altenversorgung in Landwirtschaft und Handwerk kaum zu erreichen sein.

Nur bekommt die Stereotypie von dem „wertschätzenden Umgang“ mit älteren Menschen, die ich auf der oben verlinkten Website fand, ein Geschmäckle. Wie gesagt: Nichts dagegen! Es riecht nicht mehr nach Elend, Exkrement und Urin. Man wird in diesen Einrichtungen sicher vom Fußboden essen können, so sterilisiert sind die Flächen.

Die Flachbildschirme in den Wohneinheiten präsentieren alle Programme der Welt, die Pflegerinnen sind nett, und in der Adventszeit kommt sicherlich ein Schul- oder Kirchenchor vorbei. Vielleicht gibt es bald Tango- und Salsa-Abende gegen moderaten Aufpreis. Man ist willkommen und angenommen. Und fördert so noch den Aufschwung der Region. Sicherheit mit Dividende!

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