George A. Romero zum 70. Geburtstag

Nach Claude Levi-Strauss ist das menschliche Denken dualistisch strukturiert. Es kann nicht anders, als die Welt in Gegensatzpaare einzuteilen: hell/dunkel, roh/gekocht, groß/klein.

Der 70. Geburtstag des amerikanischen Regisseurs George A. Romero bietet aktuell die Gelegenheit, sein Werk nicht nur als Bereicherung des Horror-Genres, sondern auch als visuelle Pointierung eines aktuellen Dualismus´ zu begreifen.

Denn seine Zombies, seine „lebenden Toten“ in Filmen wie „Night of the Living Dead“ (1968), „Dawn of the Dead“ (1978), „Day of the Dead“ (1985), „Land of the Living Dead“ (2004) und „Diary of the Dead“ (2009) sind von allem rituellen Hintergrund befreit. Keine Magie, kein Hypnotiseur erklären ihr Auftauchen. Sie bilden auch keine Einzelerscheinung mehr, vielmehr ist die Zombiefizierung zum Massenphänomen mutiert. Warum, weiß in den Filmen keiner. Man spekuliert über Viren, Meteoriten und ähnliches, aber letztlich bleiben sie eine unerklärte „Zeiterscheinung“.

Heuchelei und Doppelmoral

Und genau deshalb wurden sie zur unentbehrlichen Metapher der Gegenwartsdiagnostik. In einer Epoche, in der die Depression zur Volkskrankheit wurde (laut WHO mit steigenden Fallzahlen), in der das „Burn-out“-Syndrom zum Alltag gehört, scheint sich Nietzsches Prophezeiung zu bewahrheiten: „Deine Seele wird noch schneller tot sein als dein Leib“.

Diesen frühen Seelentod trifft die Metapher des Zombies, des „lebenden Toten“: kein vitaler Gierhals wie der Vampir, sondern jemand, der eine „tote Seele“ in sich trägt. Und wie die „Experten“ in Romeros Filmen rätseln hiesige Psychologen, Soziologen, Mediziner und Publizisten über die Ursache der epidemischen Zombiefizierung. So wichen kulturelle Wertedualismen wie gut/böse zugunsten von lebendig/tot. Und wie immer herrschen Heuchelei und Doppelmoral.

Legten frühere Generationen Wert darauf, als moralisch „gut“ zu gelten, spielen heute alle den Gutgelaunten, seelisch Gesunden. Zahlreiche Wellness-Angebote, Positiv-Denker und Pharmaindustrien schlagen daraus Kapital. Freilich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die grellste Maske zerbröselt.

Morden und Fressen

Eine psychologische Theorie besagt, daß Depression aus verdrängter Aggression resultiert, aus Wut gegenüber einer lebensfeindlichen Umwelt. Vielleicht geben auch die Zombies in Romeros Filmen beim Morden und Fressen nur die Gewalt zurück, die sie zuvor verenden ließ? Womöglich haben sie den zeitgenössischen Wertekanon einfach nur zu wörtlich genommen – das gegenseitige Auffressen beispielsweise.

Keine Frankfurter Schule, kein Kulturkritiker hat so deutlich wie der Regisseur aus Pittsburgh gezeigt: Die westliche Zivilisation hat bei all ihren (staunenswerten) Errungenschaften das Seelenleben vergessen. Sie war und ist zu einseitig auf die Revolutionierung der Materie fixiert. Sie wird einhalten, dieses Manko erst einmal beheben müssen – oder verschwinden.

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