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Fragwürdige Kulturhauptstadt

Für das Jahr 2010 wurden gleich drei europäische Kulturhauptstädte ausgerufen: neben der deutschen Stadt Essen und dem gesamten Ruhrgebiet auch das ungarische Pécs sowie das türkische Istanbul. Letzteres scheint nicht nur fraglich, da die Stadt am Bosporus geographisch gar nicht zu Europa gehört. Mindestens ebenso interessant ist die Frage, wie es die größte Stadt der Türkei mit der Religionsfreiheit hält.

Nach außen hin macht Istanbul der Eindruck einer aufgeschlossenen, modernen westlichen Stadt. Auch die christliche Minderheit darf offiziell ihre Gottesdienste feiern und zahlreiche Kirchen haben in der jüngsten Vergangenheit sogar einen neuen Anstrich erhalten. Doch was verbirgt sich hinter dieser Fassade?

Die meisten christlichen Kirchen in der Türkei sind nur als Museen gedacht, als Gottesdienstorte aber nicht zugelassen. Die Paulus-Kirche in Tarsus wurde zwar anläßlich des weltweit begangenen Paulus-Jahres für Gottesdienste freigegeben; als dieses Jubiläumsjahr im vergangenen Sommer endete, wurde sie jedoch wieder zum Museum.

Zahlreiche Christengemeinden wurden enteignet

Zahlreiche Christengemeinden wurden in den vergangenen Jahren enteignet und die Prozesse hierzu sind immer noch beim Europäischen Gerichtshof anhängig. Nicht selten werden Gottesdienste auch durch Tricks verhindert. So hat der türkische Staat 1998 die St. Georgs-Kirche in Istanbul beschlagnahmt und die benachbarte Schule aufgekauft. Da man in dieser Schule einen Billardsaal einrichten lies, dürfen jetzt in der Kirche keine Gottesdienste mehr gehalten werden, denn Billardsäle neben Gotteshäusern sind per Gesetz verboten.

Wenn auch der Christenanteil in Istanbul unter einem Prozent liegt, so hat das ehemalige Konstantinopel doch eine bedeutende christliche Geschichte. Bis heute ist es der Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen, der sich als Nachfolger des heiligen Apostels Andreas versteht.

Auch für die armenischen Christen ist Istanbul ein wichtiges Zentrum. Leider wird auch ihnen die religiöse Praxis fast unmöglich gemacht. Das Priesterseminar auf der zu Istanbul gehörenden Insel Heybali wurde 1971 geschlossen und ausländische Geistliche werden nicht geduldet.

Wenn Istanbul Europäische Kulturhauptstadt sein will, dann müßte sie sofort die Gängelung und Benachteiligung der christlichen Minderheit beenden. Dazu hat auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) kürzlich aufgerufen. Oder zeigt sich in dieser ehemals christlichen, heute moslemischen Stadt, was auch anderenorts sehr bald Realität werden kann: daß der Islam nur solange von Toleranz redet, wie er selbst in der Minderheit ist, aber als dominierende Religionsgemeinschaft die freie Religionsausübung anderer behindert?

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