Ein Querdenker von der Stange

Am Mittwoch ist der CDU-Politiker Heiner Geißler 80 Jahre alt geworden. Der „ewig junge Rebell“ heißt er im Stern, die Zeit nennt ihn den „konservativen Querkopf“, der Focus feiert ihn unter der Überschrift „Katholisch, kritisch, provokant“ ab. In der Süddeutschen gibt es gleich zwei Würdigungsartikel. Einer vom Kabarettisten Dieter Hildebrandt („Heiner Geißler hat wirklich nachgedacht. Über diese Republik, über seine Partei, über Helmut Kohl.“) und vom unvermeidlichen Heribert Prantl: „Er ist der bekannteste, wortmächtigste, streitlustigste und ideenreichste Sozialpolitiker der CDU, er ist einer, der Sätze formulieren kann wie Schwertstreiche.“

Na ja. Manche dieser Würdigungen sind ungewollt vergiftet. Nehmen wir den „ewig jungen Rebellen“. Von einem Zwanzigjährigen, der nicht die Welt aus den Angeln heben will, der seine Rente kalkuliert und sich entsprechend anpaßt, ist nichts mehr zu erwarten, wie man an den Nachwuchsfunktionären sämtlicher Parteien sieht.

Aber ein 80jähriger, der sich ein buntes Band um die Stirn windet, den Hippie gibt und noch immer und ausschließlich aus dem Prinzip der Verneinung heraus argumentiert, wirkt infantil. So verweisen die Loblieder auf Geißler auch auf die allgemeine Demenz eines alternden Landes.

Historisch blödsinnig

Doch was sind eigentlich seine bleibenden Leistungen? Als CDU-Generalsekretär, der er von 1977 bis 1989 war, galt er zunächst als Rechtsausleger und zog viel Feindschaft auf sich. Den Gegnern einer Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen hielt er 1983 vor, daß der Pazifismus der dreißiger Jahre zu Auschwitz geführt habe.

Das war historisch zwar blödsinnig, aber so suggestiv, daß Joschka Fischer 15 Jahre später ganz ähnlich argumentierte, um die Intervention im Kosovo zu rechtfertigen. Weiterhin hat er Rita Süssmuth in die Politik geholt, als erster Unionsmann den Multikulturalismus gepriesen, sich vom Ziel der Wiedervereinigung verabschiedet und mit dafür gesorgt, daß alles, was sich rechts von ihm politisch auftat, geächtet und dann kriminalisiert wurde. Weshalb er für jene, die bis heute an eine konservative Möglichkeit in der Union glauben, als Haßfigur gilt.

Das ist zuviel der Ehre! Ihn treibt noch immer die Verletzung um, die ihm die Degradierung durch Helmut Kohl 1989 zufügte. Seine Querdenkerei bestand seitdem lediglich darin, mit dem CDU-Parteibuch in der Tasche linke Positionen zu vertreten. Im Augenblick hält er die Sexualmoral der katholischen Kirche für „verlogen“, außerdem tritt er für Schwarzgrün ein.

Korrumpierung durch den linken Journalismus

So trägt es ihn von Talkshow zu Talkshow, wo er eine neue Weltwirtschaftsordnung propagiert, die gerecht, sozial, ökologisch sein soll. Darunter macht er es nicht. Man sieht an seinem Beispiel, wie die Medien auf das Meinungs- und Selbstbild eines Politikers zurückwirken. Die große Resonanz, die er dort seit seiner Linkskehre findet, hat ihn nach dem Sturz durch Kohl wieder aufgebaut und radikalisiert. Bei den CDU-Politikern der Nachfolgegenerationen setzt die Korrumpierung durch den linken Journalismus schon früher ein.

Und was ist mit dem „ideenreichsten Sozialpolitiker“? Er wettert gegen den Homo oeconomicus; der Mensch dürfe nicht durch die Marktgesetze konditioniert werden. Wer möchte da nicht zustimmen? Aber auch das ist wieder nur Quer- beziehungsweise Flachdenkerei von der Stange. Die Sorge der Politik um die Wirtschaft hängt nämlich eng mit dem politischen Demokratisierungsvorgang zusammen, den Geißler andererseits feiert.

Die Politik muß für die geballten Menschenmassen eine Daseinsvorsorge  schaffen, um die politische Ordnung aufrechtzuerhalten. Es liegt im sozialen Charakter der Massendemokratie, daß sie die Verwandlung der formellen Gleichheit in eine materielle Gleichheit anstrebt. Das wiederum läßt sich nur durch immer höhere Leistungen der Wirtschaft und durch die anschließende Umverteilung des Erwirtschafteten erfüllen. Die Massendemokratie löst selber die Energien aus, die zum Homo oeconomicus streben. Es ist halt alles ein bißchen schwieriger, als es bei Heiner Geißler klingt. Wir sollten ihn einfach links liegenlassen.

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