Die Psychologie der Selbstmordattentäter

Der in Chicago lehrende US-Politikwissenschaftler Robert Pape ist möglicherweise derjenige Wissenschaftler, der sich am intensivsten mit dem Phänomen der Selbstmordattentäter beschäftigt hat. Vor kurzem hat Pape zusammen mit James K. Feldman sein drittes Buch mit dem Titel „Cutting the Fuse: The Explosion of Global Suicide Terrorism and how to stop it“ („Die Zündschnur kappen: Die Explosion des weltweiten Selbstmordterrorismus und wie er beendet werden kann“, Chicago 2010) veröffentlicht.

Es ist nach „Dying to win: The strategic logic of suicide terrorism“ („Sterben, um zu siegen: Die strategische Logik des Selbstmordterrorismus“, New York 2005) bereits das zweite Buch, in dem sich Pape explizit mit dem Phänomen der Selbstmordattentate beschäftigt. Mitte Oktober hat Pape überdies eine Art Kompilat seines neuesten Buches in dem US-Magazin Foreign Policy publiziert.

Falsche Erklärungsmuster

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Beobachtung, daß die USA nunmehr seit fast zehn Jahren einen Krieg gegen den Terrorismus führen, ohne daß es eine nennenswerte öffentliche Auseinandersetzung über die Frage gibt, was die islamistischen Terroristen eigentlich antreibt, US-Amerikaner zu töten. Als Erklärungsmuster wird der „islamische Fundamentalismus“ angeboten, der als „Motor der Bedrohung“ begriffen wird und dessen „Wurzeln in der arabischen Kultur“ liegen.

Aus diesem Muster leitet Robert Pape die Mission der US-Amerikaner ab: Die arabischen Gesellschaften müßten sich wandeln, und zwar mit politischen Institutionen und sozialen Normen nach westlichem Vorbild, die als wirkungsvollstes „Gegengift“ gegen den „Virus des islamistischen Extremismus“ angesehen werden.  Dieses Muster stehe auch hinter dem US-Engagement in Afghanistan und im Irak. Es gäbe in diesem Zusammenhang aber ein Problem: Wir wissen heute, so Pape, daß das hinter diesem Engagement stehende Erklärungsmuster nicht zutreffend sei.

Antwort auf militärische Besetzung

Neue wissenschaftliche Untersuchungen, die Pape und Feldman in ihrem neuen Buch abhandeln, hätten ergeben, daß die Selbstmordattentate vor allem Antworten auf eine militärische Besetzung seien und sich nicht auf den „islamischen Fundamentalismus“ oder eine Ideologie zurückführen ließen. Das sei das Ergebnis von Untersuchungen des „Chicago Project on Security and Terrorism“, das von Pape ins Leben gerufen wurde. Seit der Besetzung des Iraks und Afghanistans seien die Selbstmordattentate gegen US-Amerikaner signifikant gestiegen.

Wissenschaftliche Analysen würden auch zeigen, daß Widerstand gegen eine Besetzung immer dann in Selbstmordterrorismus umschlagen kann, wenn es Unterschiede zwischen der vorherrschenden Religion der Besetzten und der der Besatzer gibt. Diese Unterschiede ermöglichten es terroristischen Führern zu behaupten, die Besatzer seien von einer „religiösen Agenda“ angetrieben. Hier liege der Grund, warum zum Beispiel Osama bin Laden keine Gelegenheit auslasse, von den US-Besatzern als „Kreuzzüglern“ zu reden, die das Ziel verfolgten, Muslime zur Konversion zum christlichen Glauben zu bringen.

US-Interessen nicht dienlich

Das zweite Motiv, das Selbstmordattentäter antreibe, kann dem zugeordnet werden, was heute „asymmetrische Kriegführung“ genannt wird. „Selbstmordterrorismus“, so Pape, sei eine „Strategie des letzten Ausweges“, wenn andere Widerstandsformen gegen eine Besatzung gescheitert sind.

Pape kommt mit Blick auf die Art und Weise der Durchführung des US-Feldzugs gegen den Terrorismus zu einem ernüchternden Ergebnis: Wir hätten zur Kenntnis zu nehmen, so Pape, daß der „derzeitige Krieg gegen den Terrorismus US-Interessen nicht dienlich ist“. Dazu gehört auch die Einsicht darin, daß die Besetzung islamischer Staaten das Leben der US-Amerikaner in keiner Weise sicherer mache. Tatsächlich seien diese Besetzungen „das eigentliche Problem“.

Nationalismus als Pfahlwurzel

Wenig überraschend ist Papes Infragestellung der US-Kriegführung gegen den Terror nicht ohne Kritik geblieben. Insbesondere wurde ihm vorgeworfen, seine wissenschaftlichen Untersuchungen nur auf Fälle reduziert zu haben, in denen es zu Selbstmordattentaten gekommen sei. Pape konterte, daß er alle bekanntgewordenen Fälle gesammelt habe und sein wissenschaftlicher Ansatz deshalb hinreichend sei.

Pape bleibt dabei: „Die Pfahlwurzel des Selbstmordterrorismus ist der Nationalismus“, der eine „extreme Strategie der nationalen Befreiung“ sei. So diskussionswürdig die Analysen Papes auch sein mögen: Es steht kaum zu erwarten, daß sie in der US-Regierung zu einem grundsätzlichen Umdenken im Hinblick auf die Art und Weise der Kriegführung gegen den „internationalen Terrorismus“ führen werden.

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