Die Deutschen und ihre Nachbarn

Sehr im Gegensatz zu unserem „offiziellen“ – von Medien und einflußreichen Intellektuellen geprägten – Selbstbild erfreut sich Deutschland seit Jahren größter Beliebtheit in der Welt: Laut einer bereits im April veröffentlichten BBC-Umfrage unter 30.000 Menschen in 28 Staaten steht Deutschland auf Platz eins der Beliebtheitsskala; 59 Prozent bewerten den deutschen Einfluß als positiv, wobei die höchsten Werte (80 Prozent) in Frankreich und Südkorea vergeben wurden. Die schlechtesten Wertungen kommen aus Pakistan, Indien und der Türkei.

Das diffuse, von vielerlei ökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren bestimmte Bild wird auch durch die Einschätzung anderer Länder bestätigt: Beliebt sind Japan, das bei aller ökonomischen Bedeutung so große weltpolitische Zurückhaltung übt, Großbritannien und Kanada, sehr unbeliebt der Iran, Pakistan, Nordkorea, Israel und Rußland, was insgesamt nicht sehr überrascht, im jeweiligen Fall aber auf sehr unterschiedlichen Gründen beruht.

Fragt man dagegen die Deutschen, wen sie besonders mögen, ergibt sich ein eindeutiges Bild – vor allem wenn es sich um unmittelbare Nachbarländer handelt, die man nicht primär aus den Massenmedien, sondern aufgrund von geographischer Nähe, gemeinsamer Geschichte, persönlichen Aufenthalten und Kontakten kennt.

Je verwandter die Kultur, desto größer die Beliebtheit

Man könnte geradezu die Regeln aufstellen: Je verwandter die Kultur, desto größer die Beliebtheit; und je fremdartiger eine andere Kultur empfunden wird, desto unbeliebter ist das jeweilige Land.

Kann man von Verwandtschaft aber einigermaßen objektiv sprechen, da sie über sprachliche Gemeinsamkeiten nicht nur zu erfahren, sondern auch zu definieren ist, wird Fremdartigkeit – zumal bei den so ähnlichen Kulturen der europäischen Völker – in erster Linie „erfühlt“, wofür kollektive Traumatisierungen verantwortlich sind, die aber, wenn sie in der Vergangenheit liegen, medial vermittelt werden.

Das beliebteste Nachbarland der Deutschen ist, nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag des Magazins Reader’s Digest, Österreich – hier kommen der sprachlich-kulturelle Aspekt und die gemeinsame Geschichte zusammen. Die Schweiz liegt, ebenfalls wegen der Sprache, aber auch aufgrund ihres politischen Systems, zusammen mit Frankreich auf Platz zwei, dessen Sympathiewert bei den Deutschen von den engen Beziehungen der jüngeren Vergangenheit und von einem allgemein besonders guten „Image“ hinsichtlich Lebensqualität, Mentalität und so weiter profitiert.

Auf Platz drei und vier folgen wiederum Länder der germanischen Sprachgemeinschaft – die Niederlande und Dänemark – und zwar in der Reihenfolge der sprachlichen Verwandtschaft. Ob „germanische“ Länder bei den Deutschen tatsächlich beliebter sind als „romanische“, kann daraus freilich nicht abgeleitet werden, da Italien, das traditionelle Land deutscher Sehnsucht, und Spanien keine unmittelbaren Nachbarn sind.

Tschechien und Polen sind Schlußlichter

Auf den hinteren Plätzen finden sich das politisch instabile Belgien und Luxemburg. Beide weisen keine „volkliche“ Identität auf und werden in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit der Europäischen Union verbunden; die „EU-Hauptstadt“ Brüssel und die als künstlich oder gar zwanghaft empfundene staatliche Einheit von Flamen und Wallonen gereichen dem belgischen Staatskonstrukt nicht zum Glanze, während Luxemburg fast ausschließlich als Bankenstandort gilt (was der Schweiz nicht zu schaden scheint – vielleicht erscheint die Eidgenossenschaft sogar nicht nur als Hort der Bürgerfreiheit, sondern auch als Zufluchtstätte für Kapital, das man vor unverhältnismäßigem staatlichem Zugriff in Sicherheit bringen möchte, und weniger als Oase böser Steuerflüchtlinge).

Und auch die Schlußlichter sind keine Überraschungen: Tschechien und Polen. Die beiden slawischen Nachbarländer stehen den Deutschen – bei aller sonstigen kulturellen Nähe – sprachlich ferner; die jüngste Geschichte ist durch Krieg und Vertreibung, sodann durch die kommunistische Unterdrückung und außenpolitische Abriegelung geprägt, und in den letzten Jahren überwiegen Negativschlagzeilen aufgrund von Kriminalität und geschichtspolitischen Debatten, die als engstirnig und nationalistisch wahrgenommen werden.

Insgesamt zeigt sich, daß sprachliche Verwandtschaftsverhältnisse und politische Traumatisierungen Kategorien sind, mit denen – mehr als allgemein üblich – zu rechnen ist.

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