Die Bundesbank schafft sich ab

Wie es aussieht, bekommt Bundesbankpräsident Axel Weber nun doch noch seinen Willen: Thilo Sarrazin soll aus dem Vorstand der Zentralbank abberufen werden. Er hat wohl schon damit gerechnet, daß die politische Klasse nicht eher Ruhe gibt, bis der Kopf des Dissidenten überall rollt, wo er nur rollen kann.

Axel „A.” Weber hält sich dabei mutmaßlich für sehr schlau: Er will ein für allemal keine Schlagzeilen mehr über das Vorstandsmitglied Sarrazin lesen, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2014 liefe. Weil er ja nächstes Jahr den Präsidenten der Europäischen Zentralbank Jean Claude Trichet beerben will. Und das, meint der gelernte Opportunist Weber, geht leichter, wenn er den Störenfried Sarrazin vorher aus dem Weg räumt.

Wenn er sich da mal nicht täuscht. Wenn Sarrazin gegen seinen dürftig begründeten Rauswurf wegen freier Meinungsäußerung vor Gericht geht, hat er alle Aussicht auf einen langen und am Ende sogar erfolgreichen Rechtsstreit. Weber stünde dann reichlich blamiert und selbst beschädigt da. Und Sarrazin hat keinen Grund, ihm das zu ersparen.

Reputation einstimmig abgeräumt

Schon als Weber im Zuge der Sarrazin-Kampagne wegen des Lettre- international-Interviews im vergangenen Herbst den verhaßten Vorstandskollegen wegen angeblicher Schädigung des Ansehens der Institution Bundesbank zum Rücktritt nötigen wollte, hatte die FAS süffisant kommentiert: Den eigentlichen Ansehensschaden habe die einst hochangesehene Bundesbank ja wohl durch die „europäische Kastration” per Euro-Einführung und Maastricht erlitten.

Was an Reputation noch übrig war, hat Webers Bundesbankvorstand jetzt auf Befehl der Politik mit seinem Votum für den Kollegen-Rausschmiß einstimmig abgeräumt. Bundeskanzlerin, Bundesaußenminister, Bundesfinanzminister und der „Bundespräsident” von Merkels Gnaden pfeifen, der Bundesbankvorstand pariert – eine „unabhängige” Zentralbank stellt man sich souveräner vor. Die politische Klasse hat das Ansehen der Bundesbank nicht beschädigt, sondern vernichtet.

Der zynische Kommentar der Staatsratsvorsitzenden, pardon, der Kanzlerin, sie nehme die „unabhängige Entscheidung” des Bundesbankvorstands „mit großem Respekt zur Kenntnis&quot”, ist ein letzter höhnischer Totengesang auf eine Institution, die bei den Deutschen einmal höchstes Ansehen genoß.

Trichet, der EZB-Präsident aus Frankreich, wo Notenbankpräsidenten es gewöhnt sind, nach der Pfeife der Regierung zu tanzen; Trichet, der auf Wunsch von Präsident Sarkozy die EZB – Weber war damals übrigens erst in letzter Sekunde umgefallen – zum Aufkäufer von Schrott-Staatsanleihen und damit zur Staatsverschuldungsagentur gemacht hat, wird’s mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben.

Heuchlerischen Unterstützung

Daß es dem EZB-Präsidenten bei der heuchlerischen Unterstützung von Webers Position in der Causa Sarrazin womöglich gar nicht um Gutmenschentum ging, sondern um Währungspolitik, haben die deutschen Provinzpolitiker und -banker wahrscheinlich gar nicht gemerkt. Adieu, Bundesbank – sie hat sich gerade selbst endgültig abgeschafft.

Und Thilo Sarrazin? Der mutige Preuße geht jetzt den schweren Gang des Dissidenten. Auf die Vernichtung der beruflichen Existenz wird das Scherbengericht der Partei folgen. Im Ansehen der Bürger, die sich in überwältigender Mehrheit eher von ihm vertreten sehen als von der politischen Klasse, die ihn gerade loswerden will, wird ihm das nicht schaden, im Gegenteil.

Sarrazin, seit Donnerstag Mitglied des Bundesbankvorstands ohne Geschäftsbereich, verliert institutionellen Rückhalt und gewinnt persönliche Handlungsfreiheit. Wie wird er sie nutzen? Was er innerhalb des bestehenden Koordinatensystems tun konnte, um die deutsche Politik auf den Weg der Vernunft zurückzuführen, hat er getan.

Vielleicht überdenkt er ja seine brüske Absage an die Mitwirkung in einer neuen, freiheitlich-konservativen Reformpartei einmal. Den letzten Satz seines FAZ-Interviews vom Montag kann man jedenfalls auch als Drohung lesen: Wenn der Geist erst mal aus der Flasche ist, dann geht er auch nicht wieder rein.

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