Die Angst vor der Nation I

Eines der auffälligsten Charakteristika der gegenwärtigen Zeit ist die ausgeprägte Furcht bei vielen, in irgendeiner Form Gefühle aufkommen zu lassen, mit denen man sich an seine Nation bindet. „Die Nation ist ein willkürliches Konstrukt, welches sich Menschen nur ausgedacht haben“, so spricht es aus dieser Stimmung. „Ich will damit nichts zu schaffen haben, mir ist das gleichgültig.“ Doch ihre heftige Reaktion, wenn sich irgendwo doch Gefühle für die Nation, der sie angehören, regen, straft sie Lügen.

Denn der Eifer, mit dem man heutzutage gegen das Nationalgefühl vorgeht, steht als Gefühlsrausch in nichts dem Nationalismus nach. Man betrachte nur unbefangen diejenigen, welche sich im Glanze ihrer vermeintlich übernationalen Gesinnung sonnen, und man wird unschwer den exaltierten Nationalchauvinisten vergangener Tage erkennen, der gleichfalls kein gesundes Verhältnis zur Nation finden konnte. Eine Entartung, die sich gleich diesem in krankhaftem Haß äußert, diesmal auf die eigene Nation.

Befördert wird die Neigung, die Nation zu leugnen, in ihrer Eigenschaft, begrifflich nur schwer faßbar zu sein. Vor einem Menschen in seiner Leiblichkeit kann ich schlecht meine Sinne verschließen, er ist einfach da. Dessen Bestimmung als Einzelwesen ist daher verhältnismäßig einfach. Wie verhält es sich aber mit der Bestimmung als Gruppenwesen? Nationen sind im Wesentlichen immateriell. Daher können sie nur in ihrer lebendigen Geistigkeit erfaßt werden – und das ist wesentlich schwieriger.

Von sinnlichen und übersinnlichen Lebensformen

Jede Lebensform besitzt für gewöhnlich neben ihren sonstigen spezifischen Eigenschaften den Trieb zur Erhaltung ihrer Gestalt. Das Tier drängt danach, sich seinen Leib lebendig zu erhalten, ebenso Pflanze und Mensch. Doch neben diesen ans Sinnliche gebundenen Organismen gibt es auch übergeordnete Formen, welche zwar gleichfalls lebendig sind, aber selbst kaum ins Körperliche dringen, sondern vielmehr jene zu Gruppen zusammenfassen und über diesen Weg überhaupt erst erlebbar werden.

Wer einen Vogelschwarm im Flug oder eine galoppierende Rinderherde unbefangen beobachtet, der sieht, wie sich hier in der Organisation der Einzelwesen ein übergeordnetes geistiges Wesen manifestiert. Ein Wesen, welches macht, daß Einzelne als Gruppe auftreten, mit einer bestimmten, gemeinsamen Prägung. Auch der Mensch ist dieser Gruppenbildung unterworfen, wie die vielfältigen Formen und Unterformen zeigen, in welche sich die Menschheit gliedert.

Eine dieser Formen ist dasjenige, was man Nation nennt. Wie ist das Verhältnis zum Einzelnen? Meinen Körper erlebe ich unmittelbar. Ich bin mir seiner als Körpergefühl im Alltag nahezu durchgängig bewußt. Das Verhältnis zur Nation dagegen erlebe ich nur mittelbar. Im wesentlichen sind es Leidenschaften, die aus dem Unterbewußtsein emporsteigen und die als Nationalgefühl im Alltag selten erlebbar sind. Das eine ist also sinnlich-bewußt, daß andere geistig-unterbewußt. Was bedeutet dies konkret?

Bewußtseinsbildung durch Leid

Wenn mein Körper verletzt wird, spüre ich Schmerz und reagiere auf diesen. Ähnliches gilt im Bezug zur Nation. Eine Katastrophe geschieht, und Menschen, denen ich durch die Nation verbunden bin, kommen zu Schaden. Auch hier spüre ich Schmerz und reagiere auf diesen. Doch ist diesmal mein Verhältnis zum Schmerz ein anderes. Mein Körper war mir bereits vor dem Schmerz bewußt, dieser hat lediglich das Gefühl bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Die Nation wird mir aber erst dadurch bewußt.

Aus dem Unterbewußtsein schießt mir das Leid tausender Menschen empor. Ich spüre diesen Schmerz, grell leuchtend schneidet er mir durch das Bewußtsein. Dadurch läßt er mich aber wissen, daß ich diesen Menschen verbunden bin und allen anderen, die mit mir trauern. „Die nationalen Erinnerungen und die Trauer wiegen mehr als die Triumphe“, stellte Ernest Renan dazu in seiner berühmten Rede über die Nationen fest. Denn wie der Schmerz das höchste Körpergefühl vermittelt, so läßt er mich hier die Nation erleben.

Ich spüre dann, wie ich von jemandem getragen werde, den ich nicht sehe, aber der doch alle Attribute des Lebens besitzt. Ein Lebewesen im genauen Sinne, das wächst und gedeiht, fühlen und leiden kann, verletzbar und sterblich ist. In ihm schlafe ich wie ein Kind, und träumend nur fühle ich dunkel seine Nähe. Doch was ist, wenn das Kind nicht länger schlafen soll und blinzelnd seine Augen öffnet? Schrecken will ihm die Augen weiten, so schließt es sie furchtsam nur umso fester. An diesem Punkt stehen wir heute.

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