Deutscher Wahnsinn? – Caligari!

„In der deutschen Kultur hat der ‘Wahnsinn’ immer eine große Rolle gespielt”, erklärte ein russischer Theaterregisseur. Zuvor hatten Studentinnen einer Berliner Schauspielschule ihre Monologe in Psychiatriekulissen verlegt. Die Dozenten verstanden – mal wieder – gar nichts, fanden die Aktion höchst „bedenklich“: „Was für ein Selbstbild haben diese jungen Frauen?“ 

Nur der russische Kollege erriet den Grund. Als Beispiele nannte er den Expressionismus der Zwanziger Jahre, Filme wie „Das Kabinett des Dr. Caligari“(1920) , „Nosferatu“ (1921) und „Dr. Mabuse“ (1922) – oder, ein Jahrhundert zuvor, Kleist, Lenz, Hölderlin, Messmer und Nietzsche. Auch Goethe flüsterte seinem Eckermann zu: „Nur die widernatürliche Phantasie kann uns noch retten.“ Goethe mußte das wissen. Er, der heimlich Zerrissene, Destruktive, der trotzdem erfolgreich ein „Olympier“-Image behauptete.

Wahnsinn tritt ein, wenn alle Ordnung, alle festgeglaubten Regeln sich als Halluzination erweisen. Sensible Tiefbohrer spüren das zu jeder Zeit, der Normalbürger brauchte für solche Erkenntnis einen ganzen Weltkrieg – den von 1914 bis 18 beispielsweise. Aber dieser Vulkantanz trieb schnell in die Erschöpfung. So versuchte die Masse zwischen 1933-45 eine Flucht ins „Gesunde“. Ein fatales Mißverständnis. Merke: Wo immer jemand im politisch-gesellschaftlichem Kontext von „Gesundheit“ redet, da ist totaler Wahnsinn zu erwarten.

„Die Deutschen sind durch den verlorenen Krieg wahnsinnig geworden“

In jüngster Zeit findet der Wahnsinn, das Irrewerden am Chaos der Welt, endlich staatliche Anerkennung. Der Stadtteil Berlin-Weissensee, zwischen 1918-23 das deutsche Hollywood, wurde wieder entdeckt. Hier entstanden die Perlen des expressionistischen Films, hier drehte  Robert Wiene „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1920). Dessen Spielort ist eine Psychiatrie, der Held und seine Geliebte sind schwer geisteskrank, bedroht von einem somnambulen Mörder, der seinerseits unter dem Einfluß des hypnotischen Anstaltsleiters steht. „Die Deutschen sind durch den verlorenen Krieg wahnsinnig geworden“, notierte ein US-Filmkritiker nach der Premiere.

Seit einigen Jahren gibt es in Weissensee einen „Caligariplatz“, direkt vor dem Kulturzentrum „Brotfabrik“. In ihm fand jetzt die erste „Somnambule“, das erste „internationale Caligari-Festival” statt. Alte Expressionismus-Klassiker wie das „Caligari“-Original, „Orlacs Hände“ (1925) und dessen US-Adaption „Mad Love“ (1935) fanden erneut ihr Publikum. Viel deutscher Wahnsinn, viel Kunst.

Spaß-Klapse

Auch neue Beiträge aus dem Musik- und Performance-Bereich gab es zu sehen. Aber, und das wurde schnell klar: Selbst der Irrsinn ist kraftlos geworden. Nietzsches Frage: „Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden müßtet?“ hat sich erledigt. So lief im Weissenseer Stummfilmkino „Delphi“ – mit seinen herrlichen Bögen ein klosterähnlicher Altbau – der Spielfilm „Im Schatten der Made“ (2010).

Regisseur war der hochgehandelte Künstler John Bock. Eine Hommage an „Caligari“ in schräg-verwinkelten Kulissen, in denen bizzare Charaktere ihr Unwesen treiben. Aber alles Zitieren bleibt ironisch, austauschbar, ergo bedeutungslos. Keine Frage, wie die expressionistische Erbschaft für die Gegenwart zu reanimieren sei. Statt dessen pure „Vertrashung“, als ästhetisches Merkmal einer Zeit, die jegliche Ernsthaftigkeit fürchtet, aus Angst vor der Offenbarung einer gähnenden Leere.

So verwandelte der gegenwärtige Vorzeigekünstler John Bock den einstigen Ausdruck von Angst und Zittern zu einem Partyspaß. Wir amüsieren unsere Verzweiflung hinweg. Und wie die Irren aus E. A. Poes „System des Dr. Thaer und Professor Fedders“ spielen wir Gesundheit. Dieser Spaß-Klapse möchte man wirklich entfliehen.

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