Befangen

Ich erkläre mich in der Causa Steinbach und der daraus resultierenden Diskussion für befangen.

Meinen kurios anmutenden deutschen Vor- und Nachnamen verdanke ich einzig meinem geliebten Vater, einem mecklenburgischen Landarbeitersohn. Der weitaus größte Teil meiner Verwandtschaft lebt noch jetzt in Zentralpolen und führt dort die Familiennamen Chmarowski und Zelebanski.

Die allermeisten meiner polnischen Verwandten sind so erzkatholisch und erznationalistisch wie ich atheistisch und nationalliberal bin. Mitglieder dieser Familien wurden als Zwangsarbeiter in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt und wissen mit dem Wort Polacken immer noch etwas anzufangen.

Zwei polnische Verwandte von mir arbeiten heute als Hausmädchen für wenig Geld in reichen deutschen Haushalten und schicken Euro-Scheine nach Hause, andere sind als Handwerker im Kleinbus unterwegs, um für deutsche Häuslebauer zu arbeiten und deren Kosten zu drücken.

Krachledernes Schnätteretäng gegenüber Polen

Ich äußere mich nicht dazu, ob sie dabei sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und wie es mit ihrer Steuermoral steht. Genetisch wie historisch bin ich slawisch versippt und auf meine Weise sehr stolz darauf. Meine Familie pflegt die Kontakte nach Polen aufmerksam und wird davon immens bereichert. Eine Gastfreundschaft wie dort habe ich nirgends erfahren dürfen.

Ich verstehe das Leid der vertriebenen Deutschen. Ich verstehe jedoch nicht, weshalb Teile der deutschen Konservativen ein krachledernes Schnätteretäng gegenüber Polen improvisieren. Als intellektuell belastbar kann ich manches nicht empfinden. Und Emotionen, auch meine, sind naturgemäß unsachlich.

Wenn ein Anonymus in einer Verunglimpfung Bartoszewskis mit „Generalfeldmarschall“ unterzeichnet, erscheint mir das abgeschmackt, und ich erführe mindestens gern den richtigen Dienstgrad und die militärische Qualifikation. Überhaupt frage ich mich oft, was innerhalb unserer Diskussionen Pseudonyme mit Courage zu tun haben.

Wie steht es denn nun mit dem meines Erachtens klugen Begriff des „Europas der Vaterländer“? Ist der polnische Konservatismus und Nationalismus weniger gerechtfertigt als der deutsche? Könnte der deutsche nicht von einer Haltung lernen, wie sie polnische Konservative und Nationalisten nicht zuletzt in der Solidarnosc-Bewegung auszeichnete?

Mit Bartoszewski hat das Leid zweier Nachbarvölker gar nichts zu tun

Und ist es angemessen, einem Mann vom Format Bartoszewskis Charakterdefizite vorzuwerfen, wenn der ein paar Briefe unbeantwortet ließ, aber im Zegota-Komitee arbeitete, am Warschauer Aufstand teilnahm, unter den Kommunisten im Gefängnis saß und sogar so konsequent war, als geachteter Außenminister zurückzutreten, als Aleksander Kwasniewski Präsident wurde, in dessen polnischem Kondolenzbuch sogar mein Name steht?

Eine Bürgerplattform wie die Platforma Obywatelska, für die Bartoszewski eintritt, sähe ich gern in Deutschland! Ich vernehme lauten Beifall für Anwürfe gegen einen Mann, der, wäre er mit solchen Verdiensten nur Deutscher, gerade Konservativen als vorbildlich gelten würde. Aber er ist ja Pole.

Die Tragödie der Deutschen wie der Polen hat mit Hitler, Stalin, Churchill und Roosevelt eine Menge zu tun. Mit Bartoszewski hat das Leid zweier Nachbarvölker gar nichts zu tun.

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