Das virtuelle Troja suchen

Das Gejaule über die Daten-Sintflut hört einfach nicht auf! Nach Frank Schirrmachers Kapitulation („Payback”), die unter publizistischen Weichspülern viel Verständnis und Nachahmung fand, hat jetzt der Schriftsteller Burkard Spinnen im Tagesspiegel nachgelegt. Schon der Titel „Und ich klicke stumm in der Welt herum” lädt zum Mitheulen ein. Tatsächlich wird der ehemalige Reisephobiker, für den das Netz doch virtuellen Ersatz böte, mit dessen Weltöffnung nicht froh. Wie dem Leidgenossen Schirrmacher erscheint ihm das Netz als schlechter Dealer, der den Nutzern eine Überdosis (an Daten) aufschwatzt.

Schlimmer noch: Es weckt Sehnsucht nach all jenen Informationen, die Spinnen selbst bei größter Anstrengung nicht mehr anklicken kann. Und das Schrecklichste: Die Zukunft verspricht, daß bald eine virtuelle Bibliothek von Alexandria ihre Pforten öffnen wird, daß künftig der weltweite Textbestand per Mausklick greifbar ist, daß sich „Streetview”-Reisen bis ins verstecktesten Hinterhofschlafzimmer ausdehnen. Ja, dann wird die Wahl zur unerträglichen Qual.

Der Autor verzweifelt, aber hält sogleich ein Gegenmittel hoch: Die „Authentizität”. Genauer, die „Authentizität” der Literatur. Guter Literatur natürlich, so wie seiner. Aber wo sie postieren in dieser Datenflut? Wie ließe sich das weltweite Netz doch noch zum (Burkhard) Spinnen-Netz transformieren? Immerhin artikuliert der Autor bloß Verzweiflung, fordert nicht – wie geistig unterbelichtete Zeitgenossen – eine Redaktion oder gar Zensur. Das würde auf weltweiter Basis ohnehin nicht funktionieren.

Mitläufer verirren sich im „Mainstream”

Stattdessen wird man sich von einem liebgewonnenen Menschenbild verabschieden müssen: In den letzten 150 Jahren hat die Evolutionslehre mit zwei Populismen die westliche Welt verpestet: 1) Das Überleben des Stärkeren („the fitest”) und 2) Der Vorteil des bestmöglich Angepassten. Letzteres, eine perfekte Knechtschaftsideologie, erfährt in Zeiten der Wirtschaftsangst glänzende Rehabilitierung: Ellen Kositza berichtete jüngst, daß „Anpassung” für die gegenwärtige Jugend als „Leit-Wert” gilt.

Was aber, wenn selbst der „Mainstream” so vielfältig daherkommt, daß man nirgendwo mehr „sicher” oder auf der „richtigen Seite” steht, wenn der Anpassungswunsch kein eindeutiges Ziel mehr vorfindet? (Auch Frank Schirmmacher befürchtet, daß ihm die Datenflut den Blick für das „wahrhaft Wichtige” verwässert. Offenbar kann der FAZ-Herausgeber nicht selbst entscheiden, was ihm eine Schlagzeile wert ist…) Dann bräche die Mitläuferideologie zusammen, dann warten anpassungswillige Gummi-Menschen vergeblich auf Belohnung.

Monumentale Individuen widerstehen Informationsflut 

An dieser Stelle empfiehlt sich die Rückkehr zu den „monumentalen” Individuen eines Thomas Carlyle, die sich – ohne Angst vor sozialem Ausschluß – ein Gesicht, eine Gestalt, eine feste Seelenstruktur geben. Eine Persönlichkeit, „kraftvoll” genug, daß sie auch der Informations- und Themen-Flut widerstehen kann. Die unbeirrt sucht, was ihr wichtig scheint, die Konfrontation mit Unerwartetem nicht durch Selbstverlust bezahlt.

Bleibt zu hoffen, daß der mentale Selektionsdruck des Internets sich noch steigert, daß extreme Quantität jede „Orientierung” von Außen unmöglich macht. Denn: „Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.” (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen) – dieses Zitat läßt sich übrigens im Internet finden.

Heinrich Schliemann als Vorbild

Nichts anderes verkündet die idealisierte „Apple”-Ikone Steve Jobs, wenn er die Jugend auffordert, der eigenen Vision zu folgen, sich nicht durch Angleichung zu verraten. Solcher Wertewandel erfordert freilich eine neue Pädagogik. Man kann sofort damit beginnen, indem man dem Nachwuchs das Kinderbuch „Verrückt nach Troja” (2010) auf den weihnachtlichen Gabentisch legt. Johanna Schliemann erzählt darin die Geschichte ihres Vorfahren Heinrich Schliemann.

Zu dessen Zeit galt die Stadt Troja als pure Fiktion und als der brandenburgische Kaufmann sie ausgraben wollte, hagelte es Hohn und Spott. Aber Schliemann beugte sich nicht dem sozialen Selektionsdruck, grub und grub, und fand die antike Stadt sowie das Schmuck-Gold des Priamos, symbolisch gesprochen: Seinen Seelenschatz, sein Selbst. Daß er mit diesem Schatz seine Frau Sophia schmückte, vollendete die unbeirrte Selbstsuche. 

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