Streit um die Kommastelle

Deutschland ist das einzige Land der Europäischen Union mit einer sinkenden Geburtenrate. In allen anderen Ländern seien im vergangenen Jahr mehr Kinder geboren worden als im Jahr davor, heißt es in einer neuen Studie des europäischen Statistikamts Eurostat.

Daß damit, anders als angekündigt, das Elterngeld die Geburtenrate nicht mal stabilisieren konnte – das wollte das Familienministerium natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und so wies Ursula von der Leyen die Erkenntnisse der Eurostat empört zurück.

Das ist peinlich. Allerdings nicht die Tatsache, daß das Familienministerium die Studie generell ablehnt. Viel lächerlicher ist, daß dabei um Kommastelle gestritten wird:

Laut dem Familienministerium sollen im Jahr 2008 8,3 statt 8,2 Kinder pro tausend Einwohner in Deutschland geboren worden sein. Dieser kleine, aber feine Unterschied sei wichtig, heißt es. Und er ist es auch – für den Wahlkampf. Denn bleibt die Geburtenrate bei 8,3, dann ist sie im Vergleich zum Vorjahr nicht zurückgegangen.

Die demographische Lage bleibt katastrophal

Doch Kommastelle hin oder her, für Deutschland ändert das nichts: Die demographische Lage bleibt katastrophal. Traurig ist, daß es auch hierbei nicht um die Sache, sondern um Wählerstimmen geht. Die CDU verteidigt lieber ihre fehlgeschlagene Politik, als über die Gründe nachzudenken, warum das Elterngeld keine Lösung für den existierenden Bevölkerungsschwund ist.

Dabei liegen die Gründe auf der Hand. Beispielsweise werden junge Müttern dazu angetrieben, nach der Geburt des Kindes schnellstmöglich wieder außerhalb der eigenen vier Wände arbeiten zu gehen. Entscheiden sie sich, länger zuhause zu bleiben, und womöglich sogar für ein zweites Kind, werden sie oftmals nicht nur schief angeschaut, sondern auch vom Staat finanziell dafür bestraft.

Denn nach einem Jahr Elterngeld bekommen sie gar nichts mehr – höchstens den Mindestsatz für das zweite Kind. Das können sich viele jedoch nicht leisten.

„Immer nur Mama, das ist halt langweilig für sie“

Also kehren sie ins Berufsleben zurück und schieben den möglichen Wunsch nach einem zweiten Kind in weite Ferne. Sie lassen ihre Kinder in Krippen erziehen und versuchen ihr Gewissen damit zu beruhigen, daß das doch auch alles gut für ihr Kind sei:

„Meine Tochter ist vom Charakter so sozial. Ich merke jetzt schon mit ihrem halben Jahr, daß sie andere Kinder um sich braucht, um glücklich zu sein. Immer nur Mama, das ist halt langweilig für sie“, erklärte mir neulich eine Mutter in der Krabbelgruppe. Und so reden viele – eben die, die wieder arbeiten gehen.

Doch obwohl Kinder eher darunter leiden, kann man Müttern, die in einer solchen Gesellschaft wieder arbeiten wollen, keinen Vorwurf machen. Es geht dabei nämlich nicht immer nur um Selbstverwirklichung – wie gerne abfällig behauptet wird. Vielmehr geht es um einen Grundbedürfnis, nämlich Anerkennung für geleistete Arbeit. Und das bekommen sie nicht, wenn sie zuhause bleiben und Kinder bekommen – nicht mal vom Vater Staat.

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