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Interview
 

„Wir befreiten Helgoland“

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„Lange Anna“, das Wahrzeichen Helgolands: auch ein Bekenntnis zu Deutschland Foto: Wikimedia/Unukorno

Herr Pfarrer Leudesdorff, ist Helgoland tatsächlich die Insel deutscher Sehnsucht?

Leudesdorff: Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht, aber an sich haben Sie sicher recht. Warum etwa tauchten Bilder von Helgoland lange Zeit im Fernsehen auf, wenn zum Sendeschluß die Nationalhymne gespielt wurde? Helgoland ist im 19. Jahrhundert zu einem romantisch verklärten Ort der Freiheit und der deutschen Seele geworden: Hier wandelte Heinrich Heine, hier dichtete Heinrich Hoffmann von Fallersleben das „Lied der Deutschen“, als er in der naturnahen Einsamkeit der Insel von Einigkeit und Recht und Freiheit für sein Vaterland träumte.

Es gibt viele deutsche Inseln, warum ausgerechnet Helgoland?

Leudesdorff: Fallersleben weilte dort, weil er auf Helgoland vor der damaligen Verfolgung vieler Demokraten und Patrioten in Deutschland sicher war, denn die Insel gehörte zu dieser Zeit zu Großbritannien. Aber warum unter allen deutschen Inseln Helgoland den tiefsten Eindruck auf die deutsche Seele gemacht hat, liegt wohl daran, daß es die einzige deutsche Hochseeinsel ist: Sturmumtost trotzt sie der Gewalt der Nordsee, wie Festungsmauern stemmen sich ihre roten Felsen gegen die See.

Die Naturgewalt steht auch stellvertretend für alle Arten von Bedrückung, ob Not, äußere Feinde oder despotische Unterdrückung. Helgoland ist zu einem Symbol der Freiheit und der Selbstbehauptung für die Deutschen geworden.

Dabei gehört Helgoland erst seit 1890 zum Deutschen Reich.

Leudesdorff: Jahrhundertelang war es dänisch, bevor es im 19. Jahrhundert britisch wurde. Daß es dann endlich zu Deutschland kam, bedeutete auch eine Genugtuung für die deutsche Nationalbewegung. Denn Schlüsselwort des Helgoland-Mythos ist wohl das „Umkämpft-Sein“. Nicht nur das „Ringen“ des Landes mit der See, sondern auch das historische „Ringen“: Dänemark, England, Deutschland.

Inzwischen kommt noch ein drittes Ringen dazu: das der wildwüchsigen Natur mit der Zivilisation, die die Insel mißbraucht, etwa als Flottenstützpunkt in der Kaiserzeit und vor dem Zweiten Weltkrieg oder als Bombenabwurfplatz für die britische Luftwaffe nach 1945.

„Die Wahrheit wollte einfach niemand glauben“

Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch die gewaltige Sprengung, die die Briten 1947 auf der Insel vorgenommen haben.

Leudesdorff: Unbedingt! Immerhin war es  die gewaltigste nichtatomare Sprengung der Weltgeschichte. Mit brutto 6.700 Tonnen Munition, netto 4.000 Tonnen TNT – immerhin ein Fünftel der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe – beabsichtigten die Briten, etwa 14 Kilometer militärische Bunkeranlagen zu zerstören. Doch bedeutender als die Sprengung selbst wurde die Legende, nämlich daß die Briten eigentlich versucht hätten, die ganze Insel aus dem Meer zu sprengen.

Sie haben dieses Kapitel erforscht und aufgeklärt, daß dies nicht stimmt.

Leudesdorff: Das belegen alle britischen Akten. Außerdem haben Geologen später berechnet, daß durch die Sprengung tatsächlich nur drei bis fünf Prozent des Inselmassivs zerstört worden sind. Hätte man also wirklich beabsichtigt, die ganze Insel zu zerstören, hätte man ein Vielfaches der Menge an Sprengstoff gebraucht. Aber Mythen sind zählebig und entwickeln ein Eigenleben.

Zwar gab es tatsächlich einige unautorisierte Äußerungen von seiten der Briten, die andeuteten, es gehe darum, die Insel zu zerstören, aber das entsprach nicht dem militärischen Auftrag und Ziel. Übrigens war die offizielle britische Erklärung damals rechtzeitig in allen Zeitungen zu lesen; das Problem war nur, daß niemand sie ernst nahm.  

Warum?

Leudesdorff: Man hielt sie für einen Vorwand, hinter dem verborgen werden sollte, daß man die Insel völlig zerstören wollte. Und der Umstand, daß die Briten nach der Sprengung die Insel weiter bombardierten, trug dazu bei, denn die Leute sagten sich: „Aha, die Engländer geben also keine Ruhe, bis die Insel ganz zerstört ist.“

Sie haben 1950 mit Ihrem Kommilitonen Georg von Hatzfeld in einer spektakulären Aktion  Helgoland besetzt und dadurch zum Mythos der Insel beigetragen.

Leudesdorff: Viele haben Helgoland durch unsere erfolgreiche Aktion quasi als Sinnbild für das besiegte Nachkriegsdeutschland wahrgenommen, das trotz der verständlichen Wut der Feinde nicht untergeht. Das war sicher auch eine Projektionsfläche für das deutsche Schicksal nach 1945.

Dabei war Ihre eigentliche Intention eine, die man nicht vermuten würde: der christlich inspirierte Protest gegen die Wiederbewaffnung.

Leudesdorff: Die Frage der Wiederbewaffnung setzte die erste große politische Debatte an den Universitäten nach 1945 in Gang. Für Georg und mich war klar, daß der Krieg Deutschland ruiniert hatte, und wir waren sicher, daß es nur eine Möglichkeit gebe, die Zukunft zu sichern, nämlich zu verhindern, daß je wieder Krieg geführt würde. Sonst müßte Deutschland, wenn nicht Europa, eines Tages doch noch untergehen. Dazu kam, daß für mich als Christ die Gewaltfreiheit der Bergpredigt maßgebend war.

Aber was hatte Helgoland damit zu tun?

Leudesdorff: Erstens waren wir uns des geschichtlichen Symbolwerts der Insel für Deutschland bewußt. Helgoland war wie gesagt schon zuvor ein Symbol etwa für „deutsche Seegeltung“ und deutschen Nationalismus gewesen. Daran haben wir angeknüpft, haben die Aussage aber umgedreht, indem wir Gewaltfreiheit und nicht Militarismus forderten. Motto: Laßt uns Deutsche in einem Europa ohne Waffen Freunde sein! >>

Mit Ihrer Aktion haben erstmals nach 1945 Deutsche eine Siegermacht herausgefordert.

Leudesdorff: Wir rechneten in der Tat damit, von den Engländern verhaftet und vor Gericht gestellt zu werden. Für diesen Fall beabsichtigten wir, die Verhandlung zum Tribunal zu machen, in dem wir Großbritannien anklagen. Wir hatten uns dafür bereits völkerrechtlich kundig gemacht. Insgesamt hatte unsere Aktion vier Ziele, das Zeichen gegen die Wiederbewaffnung in Europa zu setzen, war nur eines davon.

Ebenso ging es zweitens und drittens darum, die Völkerrechtsbrüche Großbritanniens anzuklagen, die darin bestanden, in Helgoland ehemals feindliches Gelände auch nach Beendigung der Kampfhandlungen weiter zu zerstören und die evakuierten Helgoländer nicht wieder in ihre Heimat zurückzulassen. Vierter Punkt war dabei, die europäische Einigung einzubeziehen, was durch das Hissen der damals grün-weißen Europa- unter der Deutschlandfahne symbolisiert wurde.

Die Aktion war die erste gewaltfreie Besetzung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa.

Leudesdorff: Und insofern quasi die „Mutter“ aller Greenpeace-typischen Aktionen später. Wir haben uns dabei auf Gandhi berufen: „Unsere Waffe ist, daß wir keine haben.“ Wir wollten Helgoland zum Symbol der Verständigung in Europa machen, weil auch Deutschland in Europa eine Zukunft haben sollte.

Also war die Aktion trotz der Ursprungsidee, Zeichen gegen die Wiederbewaffnung zu sein, auch ein Bekenntnis zu Deutschland?

Leudesdorff: Ja, sicher. Es war auch ein Bekenntnis zu Deutschland. Denn für uns hörte Deutschland nicht an der Demarkationslinie zwischen West- und Ostalliierten auf. Allerdings wollten wir auch nicht den Applaus der Nationalisten. Wir haben immer betont, daß wir weder Linke noch Rechte sind, sondern Deutsche: nicht rot, nicht schwarzweißrot, sondern schwarzrotgold. Und das war ein Jahr nach Gründung der Bundesrepublik noch wirklich ein Bekenntnis: ein Bekenntnis zu einem demokratischen Gesamtdeutschland.

„Wir gerieten in ein Minenfeld, von britischen Bombern bedroht“

Immerhin war der Dritte im Bunde, Hubertus Prinz zu Löwenstein, zunächst Mitglied der damals noch nationalliberalen FDP, später der nationalkonservativen Deutschen Partei (DP), bis diese ab 1961 in der CDU aufging.

Leudesdorff: Löwenstein hat sich unserer Aktion erst angeschlossen, als wir nach Weihnachten das zweite Mal schon zwei Tage auf der Insel waren. Aber sicherlich war er politisch sehr viel nationaler orientiert als wir, schließlich hatte er auch eine parteiähnliche Gruppe namens „Deutsche Aktion“ gegründet.

Doch war er aus Opposition zu Hitler schon 1933 in die Emigration gegangen, wo er sich weiter für ein Deutschland nach Hitler einsetzte. Er war für uns wichtig, da er sich mit den Briten auskannte und die Verhandlungen mit ihnen führte, als wir am 3. Januar 1951 von britischen Offizieren aufgefordert wurden, die Insel zu verlassen.

Am 20. Dezember 1950 hatten Sie und Georg von Hatzfeld überraschend die Insel besetzt.

Leudesdorff: Das Gefährliche war nicht die Landung, denn es gab eine halbwegs intakte Mole, sondern zum einen die herumliegenden Blindgänger. Später erfuhren wir außerdem, daß wir völlig ahnungslos über ein Minenfeld spaziert waren – pures Glück, daß nichts passiert ist. Zum anderen drohte uns, von britischer Luftwaffe angegriffen zu werden.

Wie reagierten die Briten?

Leudesdorff: Sie forderten uns auf, sofort zu verschwinden, und drohten tatsächlich mit möglichen Bombenangriffen, doch wie wir heute wissen, haben sie intern sofort alle Luftangriffe gestoppt. Sie hofften – vergeblich –, wir würden uns einschüchtern lassen. Zwar mußten wir, weil schlechtes Wetter aufzog und wir unzureichend ausgerüstet waren, die Insel nach zwei Tagen wieder verlassen, was mancher zum Anlaß nahm, zu höhnen, die „Eroberer“ seien zurück bei Muttern; jedoch kamen wir bald besser ausgestattet zurück und hielten vom 27. Dezember an die Insel über die Jahreswende besetzt.

Das löste eine breite Bewegung zur Rettung Helgolands aus.

Leudesdorff: Die Reaktionen in der Presse waren ganz erheblich, nicht nur in Deutschland, auch in England und sogar in Skandinavien. Und plötzlich kamen immer mehr „friedliche Invasoren“ auf die Insel. Zum Beispiel junge Leute der Europa-Union, die sich an unserer Aktion beteiligen wollten. Oder Vertreter der Vertriebenenverbände, die damit für das Recht auf Rückkehr der deutschen Vertriebenen in ihre Heimat demonstrieren wollten.

Wir hatten diese Leute weder gerufen, noch konnten wir sie von der Insel weisen. Einerseits haben sie unsere Aktion natürlich verstärkt, andererseits aber auch durch ihre eigenen Ziele unsere ursprünglichen Ideen verwässert. Am Ende der Aktion waren wir etwa sechzehn, siebzehn Mann. Allerdings beteiligten sich insgesamt mehr Personen, da es bis zum Ende der Besetzung ein Kommen und Gehen gegeben hatte.

Warum wurden Sie allesamt nicht einfach von den Briten verhaftet?

Leudesdorff: Weil die Briten, wie sich herausstellte, früher versäumt hatten, eine Verordnung zu erlassen, die das Betreten der Insel verbot. Und da Großbritannien ein Rechtsstaat war, hatten sie keine Handhabe. Außerdem waren sie wohl – wie schon beim Befehl, alle Luftangriffe einzustellen – nicht daran interessiert, nur wenige Jahre nach dem Krieg deutsche Märtyrer zu schaffen.

Erst jetzt erließen sie eine entsprechende Rechtsverordnung, die das Betreten der Insel bei einem Jahr Haft oder 5.000 Mark Geldstrafe verbot. Wir hatten uns zuvor darauf geeinigt, mindestens angedrohter Gewalt zu weichen. Als uns also dann schriftlich gedroht wurde, daß wir verhaftet und bestraft werden würden, haben wir die Aktion für beendet erklärt. >>

Warum?

Leudesdorff: Weil Löwenstein uns davon überzeugte, daß man in der Politik die Dinge nie auf die Spitze treiben dürfe. Man müsse dem Gegner immer auch die Möglichkeit geben, seinerseits ohne Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen – zumindest wenn man nicht nur ein Zeichen setzen, sondern auch einen Erfolg erzielen wolle.

Tatsächlich forderte der Deutsche Bundestag als Reaktion auf Ihr Unternehmen am 14. Februar einstimmig die Freigabe der Insel, und schon am 26. Februar erklärte London, daß Helgoland bis 1. März 1952 zurückgegeben werde.

Leudesdorff: Unsere Taktik ging also auf. Ein Dokument, das ich später in britischen Archiven gesichtet habe, belegt zudem unseren Erfolg: Denn dieses geheime Papier wies die britische Verhandlungsseite an, nicht einzuräumen, daß die Rückgabe auf irgendwelche deutschen Aktionen hin geschehe, sondern allein durch Verhandlungen mit der Bonner Regierung erreicht worden sei.

Sicher, spätestens bis zum Eintritt Deutschlands in die Nato 1955 wäre die Insel zurückgegeben worden. Aber so kam die Rückgabe nicht nur früher, sondern war von deutscher Seite – mit friedlichen Mitteln – selbst erkämpft. Kein unwichtiges Symbol in einer Zeit, in der es unserem Land in der Folge von Krieg, Diktatur, Verbrechen und totaler Niederlage noch schmerzlich am notwendigen Selbstbewußtsein fehlte, um wieder seinen Platz im Kreis der europäischen Nationen zu finden.

René Leudesdorff, der spätere evangelische Pfarrer landete als junger Student auf der entvölkerten und von den Briten nach 1945 völlig zerbombten und völkerrechtswidrig besetzt gehaltenen Insel Helgoland. Heimlich setzten er und sein damaliger – im August 2000 verstorbener – Kommilitone Georg von Hatzfeld am 20. Dezember 1950 auf die Insel über und forderten die Briten heraus, indem sie dort unter Lebensgefahr in einer spektakulären Protestaktion die deutsche und die europäische Fahne hißten.

Ihre gewaltlose Besetzung zwang  die Politik schließlich zum Handeln: Nach der insgesamt zehntägigen Aktion sagten die Briten wenige Wochen später die Rückgabe der Insel für das kommende Jahr zu, der deutschen Bevölkerung wurde die Rückkehr erlaubt. Der 1. März 1952 – der Tag der Rückgabe – wird seitdem alljährlich auf Helgoland als Inselfeiertag mit Gottesdienst festlich begangen. Für seine mutige Tat erhielt der 1928 in Berlin geborene Leudesdorff 1993 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Jahrzehnte später hat der Theologe in akribischer Archivarbeit die Geschichte seiner Helgoland-Befreiung historisch aufgearbeitet und in seinem erstmals 1987 und zuletzt 2007 beim Hannah-Verlag in 4. Auflage erschienenen Buch „Wir befreiten Helgoland. Ein historischer Krimi“ spannend dargestellt.

JF 33/09

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