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„Romy“ – Ein Genreproblem

Langsam begreift man’s auch hierzulande: Romy Schneider war nicht nur „Sissi“ und Star französischer Filmklassiker, sondern eine der großen Kultur-Ikonen ihrer Generation. Die Zeit erkor sie sogar zu einem der 50 deutschen „Vorbilder“ – neben Albert Einstein, Robert Bosch, Willy Brandt und anderen.

Die späte Auszeichnung einer Schauspielerin, die sich der Pornographie ihres Gewerbes – Lächeln, Fassadenspiel und karrierefördernden Schwachsinn – weitgehend verweigert hat. Die statt dessen Kontakt zu Heinrich Böll suchte; die mit Rainer W. Faßbinder – kurz vor beider Tod – noch „Kokain“ verfilmen wollte. Deren Verzweiflung nicht erst im letzten Lebensabschnitt ausbrach, sondern die ihr permanenter Begleiter war – was in Hans-J. Syberbergs Interviewfilm „Romy“ (1965) unmittelbar zu erleben ist.

Aber genau dieses Image der hochbegabten Melancholikerin, der rasenden Depressiven, reintegrierte sie – die Exilantin – in die deutsche Mythologie des Künstlers, der sich selbst verzehrt. Erhöhte sie zur Ikone unzähliger Jungschauspielerinnen, von Emmanuelle Béart bis Katrin Angerer. Letztere erklärte vor Jahren, ihr Vorbild sei Romy Schneider – denn die habe sich so lange belogen, bis sie endgültig abstürzte. Eine Heilige moderner Selbstzerstörung.

Projektionsfläche für Nachkriegssehnsüchte

Eine Verfilmung von Leben und Werk der Rosemarie Schneider (1938 bis 1982) steht und fällt natürlich mit der Besetzung. Weshalb Regisseur Thorsten C. Fischer die Titelrolle seines „Romy“-Films mit Jessica Schwarz besetzte. Tatsächlich ist beider Image nicht unähnlich: Die sensible Melancholikerin, der glamouröse Engel der Verzweiflung. (Nur daß man es Frau Schwarz nicht mehr übel nimmt, wenn sie der Presse von ihren privaten Selbstmordträumen und Beerdigungsvisionen erzählt.) Als Besetzung wären beide austauschbar: Jessica Schwarz hätte problemlos Romy Schneiders Glanzrollen spielen können – in „Der Prozeß“ (1962), „Nachtblende“ (1975) oder „Trio Infernal“ (1974). Umgekehrt hätte Schneider auch die  besten Parts von Jessica Schwarz gut gefüllt: „Buddenbrooks“ (2008), „Der Liebeswunsch“ (2007), „Lulu“ (2006) oder „Das Parfum“ (2007).  

Ja, die ehemalige Viva-Moderatorin war für ein Romy-Schneider-Biopic erste Wahl, weshalb dessen Scheitern auch nicht auf ihr Konto geht. Thorsten C. Fischer erklärte, ihm wäre die Lebensgeschichte von Frau Schneider durchaus als Mehrteiler vorstellbar. Dem sollte man hinzufügen: Bei einer Erzählspanne von über 40 Jahren, von der Kindheit bis zum Tod, hätte es sogar ein Mehrteiler sein müssen! Auf 105 Minuten komprimiert ist das nur eine Impression, ein „Best-of“, ein Trailer aus Romys Tragödie. Immerhin gelang es der Regie, den roten Faden der Einsamkeit zu isolieren, der das Leben der Wahl-Pariserin durchzog. Sie zeigt die Verlassenheit des Internatkindes, das vom Vater Autogrammkarten erhält, imaginäre Begegnungen mit ihm erträumt. Ihre Mutter übernimmt die frühe Vermarktung: Als „Sissi“ wird die Halbwüchsige zur Projektionsfläche Nr. 1 für Nachkriegssehnsüchte. In Paris führt Alain Delon sie zu Luchino Visconti, der mit beiden „Schade, daß sie eine Hure war“ inszeniert. Aber weder der Erfolg noch die Affäre mit Delon noch irgendwas füllte ihre Seele aus.

Problem eines ganzen Genres

Fischer zeichnet Romy Schneiders hilfloses Taumeln in der Kultur-Hölle nach. Ihre Mühe, den Weg der Marionetten zu meiden, statt dessen ein Schicksal haben und gestalten zu wollen. Bereits in „Der Liebeswunsch“ hatte Jessica Schwarz den Verfall einer chronisch Einsamen glaubwürdig verkörpert. Regisseur war damals – ebenfalls – Thorsten C. Fischer. Beide können es also. Das Scheitern beim „Romy“-Projekt verrät also kein mangelndes Talent, sondern offenbart das Problem eines ganzen Genres – des „Biopics“ („Biographical-Picture“ oder „Filmbiographie“). Das begnügt sich allzu oft mit purer Ausbreitung von Fakten und Geschehnissen. Das tut sich schwer mit der Raffung des Rohmaterials zu dramaturgischen Erzählformen. Statt mit Spannungsbögen und Überraschungseffekten zu fesseln, Identifikationsmomente zu kreieren, arbeitet man eine szenische Chronologie ab.

Was im Doku-Spiefilm, wo Spielszenen mit Interviews und Originalmaterial alternieren, durchaus funktioniert, gerät im „Biopic“ zur Katastrophe. Zu den gelungenen Genre-Vertretern zählen (immer noch) Wilhelm Dieterles „Doctor Ehrlichs magic Bullet“ (1940) und „The Life of Emile Zola“ (1938). Ein neueres Beispiel ist „Gods and Monsters“ (1998) über die letzten Wochen des Hollywood-Regisseurs James Whale. Beispiele, die zeigen, wie sich Leben zu Film verdichten läßt. Aber das sind bislang Ausnahmen.

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