Prunk in der Kirche

Neulich sagte eine Frau zu mir: „So etwas trägt man heute nicht mehr. Das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Ich habe nämlich zu den vergangenen Festtagen (Pfingsten, Dreifaltigkeitssonntag, Fronleichnam) jeweils alte, kostbare Meßgewänder getragen. „Der Prunk muß weg. Die Kirche muß zeigen, daß sie auf der Seite der Armen steht.“

Diese Forderung, die so modern klingt, ist uralt und taucht schon in der Bibel auf. Als Maria von Betanien mit kostbarem Nardenöl die Füße Jesu salbt (Joh 12, 1-11), bringt Judas Iskariot, der später zum Verräter wurde, das selbe Argument: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ Der Evangelist fügt sogleich hinzu: „Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war. Er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.“

Heute wird die Forderung nach kirchlicher Armut meist von denen erhoben, die selbst in schönen Häusern leben und mehrfach jährlich Urlaub machen. Auch unsere Banken stellen große, noble Gebäude in die Stadtzentren. Die Kirchen hingegen sollten nach Auffassung vieler möglichst schlicht sein und frei von jeglichem Prunk.

Die Kirche hat einen zweifachen Auftrag

Die Kirche hat einen zweifachen Auftrag: den sozialen Dienst an den Notleidenden und die Verherrlichung Gottes. Jesus selbst betonte dies in seiner Antwort auf den Einwand des Judas: „Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“

Bemerkenswerterweise legen gerade die Menschen in den ärmsten Gebieten der Welt großen Wert darauf, daß die Kirche als Haus Gottes möglichst prächtig ist. Auch unsere Vorfahren haben in großer Not sich vieles buchstäblich vom Mund abgespart, damit prachtvolle Kirchen entstehen und kostbare Kelche und Gewänder angeschafft werden konnten. Für Gott durfte es nur das Beste sein. Schließlich sind das Eine, das Wahre, das Gute und das Schöne allesamt Attribute Gottes.

Außerdem sollte die Vorfreude auf die Herrlichkeit des Himmels sinnenhaft erfahrbar werden. Auf den Gedanken, allen Prunk in der Kirche abzuschaffen, können wohl nur Menschen kommen, in denen der Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Himmel nahezu erloschen ist. Eine typische Forderung also für das nachchristliche Europa!

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