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Watch your Deutsch!*

„Starker Wille statt Promille“: So heißt seit Mai die Aufklärungskampagne des Bayerischen Gesundheitsministeriums gegen Alkoholmißbrauch bei Jugendlichen. Zehn Jahre lang war sie unter englischen Vorzeichen gelaufen. Daher hieß es bislang an den bayerischen Schulen: „Be hard, drink soft“. Nun war Bürgerprotest aus zwei Gründen erfolgreich: Ein Medium gab ihm eine Stimme, und er traf auf einen aufgeschlossenen Minister.

Der Münchner Merkur, eine regionale Tageszeitung, unterstützte den Widerstand gegen die fremdsprachige Bezeichnung. Er rief seine Leser dazu auf, Vorschläge für einen verständlichen deutschen Spruch einzusenden. Über sechzig Vorschläge kamen zusammen, darunter recht geistreiche wie „Sei schlau, nicht blau“. Der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder entschied sich als Ein-Mann-Preisgericht für „Starker Wille statt Promille“. Die neue Namensfindung kostete das Ministerium im Gegensatz zur vorherigen nur einen Blumenstrauß. Der neue Spruch soll so bald wie möglich den alten ersetzen.

Im Grunde setzt Söder nur einen Beschluß des Bayerischen Landtages aus dem Jahr 2004 um (Drucksache 15/1046), der lautet: „Die Staatsregierung wird aufgefordert, … den Gebrauch von fremdsprachlichen Begriffen auf ein Mindestmaß zu beschränken.“ Daran hält sich die Regierung leider nicht immer. Das Sozialministerium hat zum Beispiel das Programm „Fit for Work“ aufgelegt, das Landwirtschaftsministerium gibt eine Broschüre „Cross Compliance 2009“ heraus, und das Kultusministerium unterstützt den Wettbewerb „EarSinn – Ohren auf und durch!“ – Der Irrsinn kennt keine Grenzen.

Natürlich ist Fremdwörtersucht keine bayerische Besonderheit. Auch die Bundesregierung flüchtet zuweilen aus der deutschen Sprache. Jüngstes Beispiel ist die Kampagne „watch your web“ (etwa: „Paß auf dein Netz auf“). Hier handelt es sich jedoch nicht etwa um eine Aktion des Bundesinnenministeriums, die um Verständnis für die Vorratsdatenspeicherung wirbt. Statt dessen geht die Initiative vom Familien- und vom Verbraucherschutzministerium aus und richtet sich an Jugendliche. Sie will vor den Gefahren warnen, die eine unbedachte Preisgabe persönlicher Daten birgt.

So läßt die Bundesregierung einen in feministisches Lila gekleideten „Webman“ gegen den orangen „Data Devil“ antreten. Um sich bei den Jugendlichen anzubiedern, machen sich die Regierenden mit einer bemüht jugendlichen Sprache lächerlich. Dazu bedienen sie sich allerdings nicht des von Sprachwissenschaftlern neuerdings so gepriesenen „Kiezdeutschs“. Statt dessen ahmen sie die anglisierte Werbesprache nach, deren erstes Ziel bekanntlich nicht die Verständlichkeit ist, sondern die Vernebelung des Denkens, um Konsumgefühle zu wecken. Wir lesen von „Tutorials“ (Anleitungen), von „adden“ (hinzufügen) und so weiter. Ein Testergebnis fängt so an: „Uh-oh! Danger!“ (Achtung, Gefahr!). Kein Wunder, daß die Seitenbetreiber auch mit deutscher Rechtschreibung und Grammatik auf Kriegsfuß stehen: „zum warm machen“, „hoch geladene Inhalte“.

 Lassen wir dazu ganz einfach den bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder zu Wort kommen: „Es herrscht offenbar der Gedanke vor, daß man junge Menschen besonders dann anspricht, wenn man das alles in Englisch formuliert. … Ich glaube aber, das Gegenteil ist der Fall, denn am Schluß versteht keiner mehr etwas. … Deswegen freue ich mich über Aktionen, das wieder einzudeutschen und in eine Sprache zu bringen, die jeder versteht.“ Söders Parteifreundin Ilse Aigner, als Verbraucherschutzministerin mitverantwortlich für „watch your web“, sollte sich Söders Worte zu Herzen nehmen.

*to watch something = auf etwas aufpassen

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