Polemiken und Schindluder

Manche Journalisten schreiben, der Fall Sarrazin bewirke eine „Zeitenwende“. Klingt eigentümlich übertrieben. Zwar hat der Bundesbanker die Sachlage medienwirksam auf den Punkt gebracht, ohne dabei unterzugehen, aber zur „Zeitenwende“ fehlt schon noch ein bißchen. Denn wer weiß, ob lautstarkes Gepolter auch wirkungsvolle Maßnahmen zur Folge hat?

Freilich hat Sarrazins Polemik etwas gebracht. So wird zum Beispiel offener diskutiert, denn mittlerweile scheinen auch die Schweiger den Mut zu finden, die Meinung des Bundesbankers nicht nur zu teilen, sondern auch zu äußern. Und der Volkswirt ist nicht der einzige kernige Berliner.

Als es ums Betreuungsgeld ging, war Heinz Buschkowsky mal wieder so richtig schön direkt. „In der deutschen Unterschicht wird es versoffen, und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen“, sagte der SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln.

Jämmerliche Nazikeulenschwinger

Viele neumutige Schweiger mögen sich nun vor Freude die Hände reiben: „Endlich hat’s mal wieder jemand gesagt, das Problem ist schon halb gelöst!“ Und im gleichen Atemzug wird dann das „Familiennetzwerk“, das ganz fix Strafanzeige stellte, in die lange Reihe der immer jämmerlicher werdenden Nazikeulenschwinger gestellt.

Doch an dieser Stelle muß man vielleicht mal einhaken. Es ist zwar Quatsch, den SPD-Mann ob solcher Äußerungen anzuzeigen. Ihn (oder auch Sarrazin) zu kritisieren, kann aber durchaus angemessen sein. Marina Steuer, Vorsitzende des „Familiennetzwerks“ erklärte sich dazu im Interview mit dem Familien-Portal „Family Fair“.

Dort sagte sie, daß die Debatte zwar „sehr zu begrüßen“ sei, schließlich sei es längst überfällig, daß „wir in Deutschland über die komplett verfehlte Integrations- und Sozialpolitik der vergangenen Jahre“ diskutierten. Buschkowsky aber schieße über das Ziel hinaus, da er alle Familien in einen Topf schmeiße.

Sarrazin und Buschkowsky Bollerköppe

Und so ganz Unrecht hat sie damit nicht. Ein offenes Wort ist gut, der polemische Ton hingegen nur bedingt. Sarrazin und Buschkowsky mag man das vielleicht noch zugestehen. Erstens waren das ohnehin schon immer solche Bollerköppe, zweitens gebrauchen sie diesen Ton vielleicht auch gezielt, um eine Diskussion anzuregen.

Ein Stammtisch-Jargon sollte aber kein Dauerzustand in der Politik werden. „Unterschichten“ und „Migranten“ sind nämlich ganz feine Begriffe. Vielleicht kann man sich schon in Kürze herrlich daran profilieren. Wer jetzt einfach mal kurz an den Begriff „Rechts“ denkt, der weiß, wie schnell mit so etwas Schindluder getrieben wird. Und wie wenig es nutzt, alle in einen Topf zu schmeißen.

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