Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Mitleid mit Finn

Zuerst war es nur auf den Titelblättern der schweizer Zeitungen, dann griffen auch die Bildzeitung und der Fernsehsender RTL das Thema auf: das Leiden des Bären Finn. Was war geschehen? In Bern gibt es den Bärengraben. Dort sitzen Björk und Finn, zwei Braunbären, in einem Freiluftgehege und dürfen sich als touristische Attraktionen von Menschenhorden füttern und begaffen lassen.

Vergangenen Samstag geschah dann das Unglück. Ein geistig behinderter Mann sprang von der Mauer und drang in das Gehege ein. Er ging auf einen Bären zu, der fühlte sich angegriffen und verletzte den Mann mit Bissen und Pratzenhieben schwer. Nach sieben Minuten traf ein Polizist ein, der auf den Bären mit seiner Maschinenpistole schoß. Der Bär lies von dem Mann ab und verkroch sich in seiner Höhle.

Mittlerweile vergeht kein Tag ohne Meldung über das Wohlbefinden des Tieres, das sich nach Angaben von Tierärzten auf dem Weg der Besserung befindet. Die Bevölkerung zeigt sich von der ganz barmherzigen Seite. Unzählige Gläser mit Honig, Glückwunschkarten und andere Geschenke sind inzwischen eingegangen.

Mitgefühl mit fast wahnsinnigen Zügen

Und während das Mitgefühl mit dem Bären schon fast wahnsinnige Züge annimmt, interessiert sich niemand für den Behinderten, der für seine Aktion fast mit dem Leben bezahlt hätte. Internetforen diskutieren allen Ernstes darüber, ob es richtig war auf den Bären zu schießen. Und die Zeitung Le Matin fragt ihre Leser, ob das Leben eines Menschen mehr Wert ist als das eines Bären, was dann auch noch 54 Prozent der Leser verneinten.

Hier zeigt sich die zunehmende Verblödung der Gesellschaft. Bären sind Raubtiere. Im Mittelalter hatten Menschen Angst vor wilden Tieren, etwa auch Wölfen, die in den europäischen Wäldern zu Hause waren. Zwar ist die Ausrottung der Tiere nicht schön, allerdings profitieren noch heute Pilzsammler, Spaziergänger und Sportler von dem Umstand. Die meisten Menschen haben leider vergessen, daß wilde Tiere sich eben nicht wie Fozzy, Winnie Puh oder der Lilalaunebär verhalten.

 

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