In Stralsund

„Jagdszenen in Stralsund“. Diesen Artikel im Wochenend-Feuilleton der FAZ mußte ich unbedingt lesen. Stralsund ist meine Lieblingsstadt, dreißig Kilometer entfernt davon bin ich aufgewachsen. Noch heute, wenn ich bei der Anreise die mächtige Marienkirche erblicke oder durch die mittelalterliche, dank 1989 glücklich gerettete Altstadt gehe, schlägt das Herz schneller: Hier bin ich zu Hause! Und nun das: Jagdszenen!

Dann die Erleichterung: Noch sind die Jagdszenen nicht real, sondern sie gehören zum Film „Die Grenze“, den SAT 1 in Stralsund dreht. Aus der FAZ und von SAT 1 erfährt man, daß Regisseur Roland Suso Richter „ein radikales Zukunftsszenario“ skizziert.

Deutschland driftet sozial auseinander, die Verteilungskämpfe eskalieren, immer mehr Deutsche in West und Ost wünschen sich die Mauer zurück. Die bürgerlichen Parteien verlieren ihre Anziehungskraft, die „Ewiggestrigen“, vor allem ein „eleganter Rechtspopulist“, eine „neue Hitler-Figur“ (gespielt von Thomas Kretzschmann), gewinnen Oberwasser.

In Deutschland ist ein radikal rechter Charismatiker unmöglich

Eine Wahlveranstaltung auf dem Stralsunder Marktplatz gerät außer Kontrolle, die Kanzlerin (Katja Riemann) muß in Sicherheit gebracht werden. Um die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Griff zu bekommen, unterstützen Regierung und Verfassungsschutz heimlich die linksradikale Gegenpartei, die von zwei Übeln das kleinere zu sein scheint. Am Ende spaltet sich ein Mecklenburg-Vorpommern ab, die Mauer wird wieder aufgebaut.

Doch wo ist die Radikalität? Ich finde das Szenario banal, provinziell, ängstlich darauf bedacht, politisch nicht anzuecken, von kastriertem Künstlermut zeugend und damit sehr typisch für das heutige Deutschland.

Erstens: In Deutschland ist ein radikal rechter Charismatiker unmöglich. Die Medien, die er bräuchte, um einer zu werden, würden sich ihm nicht bloß verweigern, sie würden ihn präventiv zerlegen. Und sollte das wider Erwarten nicht gelingen, dann genügt ein Blick ins europäische Ausland: Pim Fortuyn wurde erschossen, Jörg Haider hatte einen tödlichen Verkehrsunfall. In Deutschland war maximal eine harmlose Figur wie Jürgen Möllemann möglich, und selbst der wurde so lange gehetzt, bis er wie ein nasser Sack vom Himmel fiel.

Die Massen müssen jung, risikobereit, draufgängerisch sein

Noch viel schwerer wiegt was anderes: Nach Lenin wird die Idee zur materiellen respektive revolutionären Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Man muß hinzufügen: Diese Massen müssen jung, risikobereit, draufgängerisch sein. Der Soziologe Gunnar Heinsohn spricht von einem speziellen „youth bulge“, einem Überschuß an jungen Männern, den dritten, vierten, fünften Söhnen, die sich einen lukrativen Platz in der Gesellschaft erkämpfen wollen.

In Stralsund sind diese Massen weder quantitativ noch qualitativ vorhanden. Von 1990 bis heute ist die Einwohnerzahl von 75.000 auf 58.000 zurückgegangen. Mecklenburg-Vorpommern war 1990 das Bundesland mit den jüngsten Bewohnern, durch Abwanderung und Geburtenausfalls gehört seine Bevölkerung jetzt zur ältesten. In Stralsund jedenfalls wird der Bürgerkrieg nicht ausbrechen, eher anderswo und aus einer ganz anderen Ecke. Er könnte fällig werden, wenn das Schutzgeld, das der ächzende Steuerzähler für den sozialen Frieden imstande ist aufzubringen, definitiv nicht mehr ausreicht.

Drittens: Eine neue Mauer zwischen Ost wird es nicht geben. Der Osten kann sich wirtschaftlich und finanziell nicht selbst halten, auch werden die Konflikte sich nicht entlang der alten Zonengrenze verschärfen, sondern dezentral und punktuell. Für pensionierte Westdeutsche werden Städte wie Görlitz, Naumburg, Wittenberg oder eben Stralsund dann willkommene Ruhe- und Rückzugsräume bilden.

Das Wahrscheinlichste an Richters Zukunftsszenario scheint mir die Verbindung der Macht – die ich mir künftig als technokratische Verteilungsdiktatur vorstelle – mit einer radikal linken, egalitären Gesellschaftsideologie zu sein. Die schlummernde rechtsextremistische Bestie, die auch „Die Grenze“ beschwört, ist einerseits eine sinn- und gehaltlose Projektion, andererseits symbolisiert sie auf vertrackte Weise die Hoffnung auf eine letzte, vitale Reserve. Ich denke, sie ist vergeblich, aber vielleicht irre ich mich ja.

Das wäre zumindest einen radikalen Film wert. Eine Nebenhandlung könnte auch in Stralsund spielen.

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