Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die „taz“ und Diekmanns bestes Stück

Seit kurzem hängt am Gebäude der taz in der Berliner Dutschke-Straße (ehemals Kochstraße) eine Plastik des Bildhauers Peter Lenk, das sich an den Springer-Verlag wendet, der auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber residiert.

Das Prunkstück ist eine Figur, die mit einem 16 Meter langen erigierten Penis protzt und starke Ähnlichkeit mit Bild-Chef Kai Diekmann aufweist. Eine selbstreferentielle Angelegenheit: Die Darstellung spielt auf eine sieben Jahre alte taz-Satire über eine mißlungene Penis-Verlängerung Diekmanns und den anschließenden Rechtsstreit an.

Nun geht das Spiel weiter. Nach der Installation des Werks wurde eine von Springer gefertigte Ausgabe der taz verteilt („Wir sind Schwanz“), was die Gegenseite mit einem Pro und Contra zum Thema beantwortete: „Wieviel Schwanz muß sein?“

Taz-Chefin schreibt von „Männermachtkampf“

Der Verteidiger der Lenk-Installation meinte, daß Diekmann – seit einigen Monaten Teilhaber der Tageszeitung – sich „trotz Anbiedereien an die taz in Sachen sexualisierter und menschenverachtender Schlagzeile um keinen Deut gebessert“ habe. Daher sei das Werk „politisch. Und das ist Kunst.“

Die neue taz-Chefin Ines Pohl dagegen schrieb von einem „Männermachtkampf“ und von ihrer Unlust, jeden Morgen unter „prallen Hodensäcken“ hindurchschreiten zu müssen, um ihr politisch-journalistisches Tagwerk zu beginnen.

Gestern nun folgte in der FAZ ein Interview mit Kai Diekmann, in dem er sich Sorgen machte über die ehemalige Alternativenzeitung – die er ganz paternalistisch „meine taz“ nennt –, in der sein privates Geld stecke. Mit dem Boulevard der siebziger Jahre, mit Sex und Zoten, der „Eis-am-Stil“-Phase sozusagen, könne das nichts werden mit dem Geschäftserfolg.

Solche Idiotien gehören in die Zeit – und fallen längst aus ihren Notwendigkeiten heraus. Was der Politik vorgeworfen wird: keine wirklichen Differenzen namhaft zu machen, sondern Scheinkonflikte auf der Spaß- und Boulevard-Ebene zu inszenieren, gilt für diese publicityträchtigen Symbiose erst recht.

Springer hat sich das hirntote Aufklärungsvokabular angeeignet

Die taz verschafft sich Aufmerksamkeit durch den großen Springer-Verlag, der seinerseits humorvoll und nachsichtig reagiert und sich dadurch mittelfristig für die Leserschaft seines Gegenüber empfiehlt, die den Altherren-Witz an der Wand peinlich findet. Doch wichtiger ist das Schwinden des politischen Ernstes, der sich in der Kontroverse offenbart.

Der linke Utopie-Verlust, der 1989 evident wurde, hat dem Medium der Westlinken einerseits den Kompaß genommen, andererseits hat sich die taz zu Tode gesiegt, denn fast alle Zeitungen haben ihren Jargon übernommen. Taz-Journalisten haben beim Springer-Verlag angeheuert, wo sie den Irak-Krieg unterstützten und das hohe Lied von der Demokratisierung Mittleren Ostens sangen, als hätte es nie eine linke Imperialismus-Kritik gegeben.

Der Springer-Verlag seinerseits hat sich das hirntote Aufklärungsvokabular angeeignet, den Staat durch die Gesellschaft, das Selbstbewußtsein durch das nationale Schuldbekenntnis ersetzt und damit seine Amerika- und Israel-Orientierung allgemein anschlußfähig gemacht.

Die politisch relevante Frage lautet daher nicht: „Wieviel Schwanz muß sein?“, sondern: Was ist taz und Springer gemeinsam? – Antwort: Beide sind Bundesrepublik!

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