Die Grenzen akademischer Freiheit

Eine heftige Debatte um die Grenzen akademischer Freiheit tobt derzeit in Kalifornien. Ausgelöst wurde sie durch den an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara lehrenden Soziologie-Professor William I. Robinson, der seinen Studenten eine E-Mail sendete, in der er Bilder von jüdischen Verfolgten in der NS-Zeit mit ähnlichen Bildern aus dem Gaza-Streifen, aufgenommen während der zurückliegenden israelischen Offensive, nebeneinanderstellte.

Diese Bilder waren mit einem Kommentar versehen, der laut Los Angeles Times vom 30. April wie folgt gelautet haben soll: „Gaza ist Israels Warschau [gemeint ist das Warschauer Ghetto, M. W.], ein gewaltiges Konzentrationslager, in dem Palästinenser eingegrenzt und blockiert werden. Wir sind Zeugen eines zeitlupenhaften Völkermord-Prozesses.“

Zwei seiner (jüdischen) Studenten, die sich durch die Botschaft ihres Professors eingeschüchtert fühlten, kontaktierten daraufhin das Simon-Wiesenthal-Center; in der Folge schaltete sich auch die Anti Defamation League (ADL) ein und forderte Robinson auf, sich von seiner E-Mail-Botschaft zu distanzieren. Abraham Foxman, Direktor der ADL, erklärte, daß der Vergleich „israelischer Verteidigungsmaßnahmen zum Schutz seiner Bürger“ mit dem, „was die Nazis taten, klar antisemitisch“ sei.

Immunisierung Israels gegen jegliche Kritik

Robinson sieht nun einer Untersuchung seines Falles entgegen, die ähnlich wie im Fall Norman Finkelstein auf einen Bruch in seiner akademischen Karriere hinauslaufen könnte – wie Finkelstein ist im übrigen auch Robinson Jude.
Gegen den Druck, dem sich Robinson ausgesetzt sieht, formiert sich seit einiger Zeit aber Widerstand, der zum einen von Studenten auf dem Campus ausgeht; diese gründeten ein Komitee zur Verteidigung der akademischen Freiheit.

Zum anderen erreichten Robinson Unterstützungsbekundungen; unter den Unterstützern sind auch die California Scholars for Academic Freedom, denen rund 100 Professoren aus 20 Fakultäten angehören. Der Tenor dieser Unterstützung wendet sich gegen den Versuch, Kritik an der Politik Israels „zum Schweigen zu bringen“.

Auch wenn man in Rechnung stellt, daß akademische Lehrer ihren Studenten keine Botschaften der Art übermitteln sollten, wie es Robinson getan hat, rührt sein Fall an Grundsätzliches: Bestrebungen, jegliche Kritik an der Politik des Staates Israel als „Antisemitismus“ zu stigmatisieren, sind nämlich nicht von der Hand zu weisen.
Diesen Bestrebungen einer Immunisierung Israels gegen jegliche Kritik dürfte in den USA durch die anstehende Novellierung des Hate Crimes Prevention Act möglicherweise nochmals Vorschub geleistet werden.

Ob sich Antisemitismus so unterdrücken läßt, ist fraglich

Wird es nach dessen Umsetzung, um ein Beispiel zu nennen, schon mit einem hohen Risiko verbunden sein anzuprangern, daß unter israelischen Soldaten T-Shirts zirkulieren, die eine schwangere Burkaträgerin im Fadenkreuz mit der Aufschrift „1 shot, 2 kills“ zeigen?

Die USA sind im übrigen auch in dieser Frage bestrebt, ihre „Standards“ zu globalisieren: Seit fünf Jahren gibt es nämlich den Global Antisemitism Review Act, unterzeichnet am 16. Oktober 2004 von US-Präsident Bush. Dieses Gesetz verpflichtet das US State Department, „antisemitische Tendenzen“ weltweit zu beobachten und diesen, so drückte es Florian Rötzer in einem Beitrag für das Online-Magazin Telepolis aus, „durch Druck auf die Regierungen im Ausland zu bekämpfen“. – Ob diese Gesetze und Maßnahmen letztlich zu dem führen, was sich ihre Initiatoren versprechen, nämlich Antisemitismus zu unterdrücken, erscheint allerdings fraglich.

Jüdischen Interessenverbänden wäre etwas von der Gelassenheit des Geschichtsprofessors Harold Marcuse von der Universität Santa Barbara zu wünschen, der mit Blick auf die Causa Robinson schlicht und einfach erklärte: „Ich denke, daß Bill Robinsons E-Mail in keiner Weise antisemitisch ist. Kritik an Israel ist in Ordnung.“ 

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