Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Die DDR und die List der Geschichte

Eine surreale Szene muß es gewesen sein, der letzte große Staatsakt der DDR. Ein Abtritt, symptomatisch für das Ende der DDR überhaupt. Erich Honecker ließ sich vertreten und auch sonst fehlte die Elite der klassenlosen Gesellschaft weitgehend. Damals, am 14. September 1989, als das monumentale Panoramagemälde bei Bad Frankenhausen eingeweiht wurde.

Man kann nicht gerade sagen, daß im Totalitarismus die Kunst erblüht. Aber manchmal ermöglicht er Kunstwerke, die es sonst nie gegeben hätte. Oder ist es vorstellbar, daß in der Bundesrepublik ein komplettes Museum nur für ein einziges Gemälde gebaut wird? Oder daß man einen Maler dafür bezahlt, acht Jahre seines Lebens einer einzigen Aufgabe zu widmen?

Die DDR konnte dies mit ihrer besonderen Mischung aus sozialistischer Hybris, geschwisterlichem Inferioritätsgefühl und deutschem Größenwahn. Dieser Zwang hob sogar Prinzipien der DDR-Gesellschaft auf. Denn ausgerechnet auf den Maler Werner Tübke (1929-2004) verfiel man, der zwar international renommiert, im Inland aber umstritten war.

Aufhebung sozialistischer Prinzipien

Nicht ohne Grund, stand dieser mit seiner subtilen Bildsprache, die sich meisterhaft der christlichen Ikonographie bedient, doch jenseits des etablierten sozialistischen Kulturbetriebs. Aber diesem Ausnahmekünstler garantierte man schriftlich die volle künstlerische Freiheit. Ein Kuriosum der sozialistischen Diktatur, das sich in der Produktion fortsetzte.

Denn Tübke hielt nicht viel von der Kraft des Kollektivs. In mühevoller Arbeit mußten sich seine Schüler den Malstil des Meisters aneignen, bevor dieser ihnen den Gang an die riesenhafte, 124 Meter lange Leinwand erlaubte. Nur einer der fünfzehn Maler durchstand diese völlige Unterordnung unter den Genius. Kollegen nannten Tübke gerne „arrogant“.

Ein seltsames Erbe, welches der Arbeiter- und Bauernstaat hinterließ. Während der Titel „Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ mit dem Vokabular des wissenschaftlichen Materialismus protzt, dürfte man kaum ein sozialistisches Auftragswerk finden, das derart scharf dem staatlich verordneten Weltbild widerspricht. Man muß es nur erkennen können.

Dieses Jahr wäre Tübke, der nicht zuletzt durch diese Titanen-Arbeit gesundheitlich angeschlagen war, 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß wird noch bis zum 3. Januar im Kunstforum der Berliner Volksbank eine Retrospektive seines Werkes gezeigt. Welche Zeit wäre für eine Besichtigung geeigneter als diese, wo das Transzendente Fleisch geworden ist?

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