Die Allgegenwart „repressiver Toleranz“

Der nahende 30. Todestag des Sozialphilosophen Herbert Marcuse, der der „Frankfurter Schule“ zugerechnet und als „Vordenker“ der „68er“ gehandelt wird, bietet Anlaß, sich mit einer Denkfigur auseinanderzusetzen, deren unheilvolle Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart reicht. Gemeint sind die Ausführungen Marcuses zur „repressiven Toleranz“ aus dem Jahre 1965. Nun mag man einwenden, daß Marcuses Schriften im heutigen Universitätsbetrieb keine oder kaum noch eine Rolle spielen; dessenungeachtet sei hier behauptet, daß heute viele geistige Adepten Marcuses sind, ohne es zu wissen. (Möglicherweise auch deshalb, weil dessen Gedanken inzwischen systemimmanent geworden sind.)

Marcuse war überzeugt davon, daß es eine „objektive Wahrheit“ gibt, die „nur dadurch aufgedeckt und ermittelt werden kann, daß erfahren und begriffen wird, was ist, sein kann und zur Verbesserung des Loses der Menschheit getan werden sollte“. Aus dieser Behauptung „absoluter Wahrheit“ leitet Marcuse den Gedanken einer „parteiischen Toleranz“ ab, deren Kennzeichen die Intoleranz gegenüber „Bewegungen von rechts … und Duldungen von Bewegungen von links“ ist. Die „parteiische Toleranz“ verlange, daß „Gruppen und Bewegungen die Rede- und Versammlungsfreiheit entzogen wird, die eine aggressive Politik, Aufrüstung, Chauvinismus und Diskriminierung aus rassischen und religiösen Gründen befürworten …“

Erziehungsdiktatur „freier Menschen“

Die Frage, wer darüber befindet, wer z. B. „chauvinistisch“ oder „diskriminierend“ sein soll, beantwortet Marcuse schlicht und einfach wie folgt: „… jeder, der gelernt hat, rational und autonom zu denken“. „Die Antwort auf Platons erzieherische Diktatur“ sei die „demokratische erzieherische Diktatur freier Menschen“.

Diese Erziehungsdiktatur „freier Menschen“ ist heute mehr oder weniger Realität. Die rhetorischen Figuren derer, die gelernt haben, „rational und autonom“ zu denken, lauten heute Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus, Ausgrenzung, Menschenverachtung, Verletzung der Menschenwürde, Nationalismus und dergleichen mehr. Wer immer mit diesen extensiv ausgelegten Kampfbegriffen belegt wird, muß mit „Toleranzentzug“ rechnen, was in der Regel mit gesellschaftlicher Isolierung verbunden ist.

Menschliche Erfahrung „irrational“?

Vernunftkritiker vom Schlage eines Gerd Bergfleth haben erkannt, daß die hier propagierte Vernunft bestenfalls eine reduzierte ist und wesentliche Erfahrungsdimensionen des Menschen als „irrational“ abspaltet oder als „Erfindungen“ zu entlarven sucht (was sich mittlerweile bis auf die Geschlechteridentidät als „soziales Konstrukt“ erstreckt). Mit anderen Worten: Das, was heute politisch korrekte Kreise, die sich im Besitz „absoluter Toleranz“ wähnen, als „fremdenfeindlich“, „nationalistisch“ oder wie auch immer verdammen, tangiert immer auch wesentliche Bereiche menschlicher Erfahrung bzw. Identitätsbildung. All dies restlos ausmerzen zu wollen, heißt letztlich, auf einen „neuen Menschen“ hinzuarbeiten (demnächst möglicherweise normiert per EU-Richtlinie). Und tatsächlich erklärte Marcuse in einem Interview mit dem „Spiegel“ am 21. August 1968: „Ja. Einen neuen Menschen erziehen, das ist es – nicht weil ich gerade die Idee habe, sondern weil die Entwicklung der modernen Industriegesellschaft den Punkt erreicht hat, wo ein solcher Mensch nicht nur möglich, sondern notwendig ist …“ Die immer wieder neuen Wellen von Bildungs- und Aufklärungsinitiativen und die ritualisierte Beschwörung der jüngeren deutschen Vergangenheit als probate Negativfolie lassen den Verdacht aufkommen, daß genau dieser „neue Mensch“ angestrebt wird. Wir wissen, welch verheerende Folgen derartige Vorstellungen von einer Form- oder Machbarkeit des Menschen in der Vergangenheit hatten.

„Was tun?“

Natürlich steht angesichts dieses Befundes die Frage „Was tun?“ im Raum. Ich gestehe ein: Dem, was hierzu seit Jahrzehnten in (rechts-)konservativen Kreisen diskutiert wird, kann an dieser Stelle nichts Luzides hinzugefügt werden. Gleiches gilt für die Spekulationen darüber, „wann unsere Zeit kommt“. Letztlich bleibt wohl nur die illusionslose Perspektive, die Botho Strauß in „Die Fehler des Kopisten“ anbietet: „Es ist leichter, ein autoritäres Regime zu Fall zu bringen, als ein liberales System vor seiner eigenen Zerrüttung zu bewahren. Das eine ist künstlich, starr wie ein Kristall und kann gebrochen werden. Das andere ist organisch und kann nur absterben.“

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