Der Teufel als Therapeut

Wer hätte geglaubt, daß Underground-Regisseur Rosa von Praunheim jemals einen Film zu Weihnachten ins Kino bringt, dazu mit passendem Inhalt? Nicht weniger absurd als ein Familienmusical von Trash- und Ekelkönig John Waters. Und doch ist beides geschehen: Waters Musical „Hairspray“ startet in Deutschland, und Praunheim feiert nun mit „Rosas Höllenfahrt“ Premiere.

Letzterer geriet vor vielen Jahren, als 17 Jahre alter Katholik, mit seiner frisch erwachten Homosexualität in Konflikt. Eros hier, Höllendrohung dort – die Mischung explodierte, und der Glaube samt Jenseits schwanden in seliger Versenkung. Jetzt, mit 65 Jahren dem Lebensende vielfach näher, tauchen alte Fragen wieder auf: Gibt es ein Jenseits, eine Hölle? Praunheim bewaffnete sich mit der Kamera und befragte Priester wie Wissenschaftler sämtlicher Couleur.

Spielszenen aus Hölle und Unterwelt

Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, angereichert mit Spielszenen aus Hölle und Unterwelt. Religionswissenschaftler erklären, die biblischen Texte ließen nur zwei Aussagen über die Hölle zu: Daß sie existiere und daß sie ewig sei. Ein katholischer Priester ergänzte: Daß sie nicht im Sinne einer „Sphäre“, einer Stätte objektiven Leidens zu verstehen wäre. Auch Luzifer werde vom Allmächtigen geliebt, niemand tue ihm etwas zuleide.

Seine Qual sei vielmehr subjektiver Natur: Er verschließe sich vor Gott, vor dem Quell des Lebens, und darin bestehe seine Tortur. Überträgt man das in psychologisches Vokabular, könnte man dem Teufel und den Verdammten eine seelische Blockade unterstellen.

„Gottes ältester Sohn“

Dieses Verständnis von Hölle als subjektives – und damit auch „psychologisches“ – Problem findet im muslimischen Glauben ein Pendant. Darin, so erklärte ein Imam, sei die Hölle ein zeitlich limitierter Reinigungsprozeß, eine Art Fegefeuer. Sie lasse sich mit einem Spital vergleichen, das den Erkrankten von seinem Übel therapiert, der sodann geläutert in den Himmel gelangt. Das bedeutet: der Teufel als Therapeut, oder besser – der Therapeut als Teufel. Jeder, der eine Psychoanalyse erfolgreich absolviert hat, weiß von der Richtigkeit dieser Aussage.

Wer seine verdrängte, dunkle Seite nicht integriert, hat kaum Heilungschancen – hat die Seelenqual der Therapie umsonst durchlitten. Das zeigte die Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé in ihrem Drama „Der Teufel und seine Großmutter“ (1912): Ein kleines Mädchen, Armseelchen, durchläuft darin sämtliche Höllenkreise, gleichgesetzt mit den frühkindlichen Entwicklungsphasen. Zuletzt kann auch der Teufel, „Gottes ältester Sohn“, endlich heimkehren.  

Hoffnung auf Jenseits und Fortbestand

Zurück zum Film: An einer Stelle zeigt die Kamera Teufelsbildnisse einer Domfassade, wildfratzige Dämonen beim Foltern der Verdammten. Was löste dieses Bildnis im damaligen Betrachter aus, der es – dank zentraler Lage des Gebäudes – täglich zu Gesicht bekam? Womöglich gab es ihm die Erlaubnis zur Melancholie, legitimierte die ursprüngliche Schwermut des mitteleuropäischen Menschen. Konträr zur Gegenwart, zur Entfremdung innerhalb der „Wellness“-Gesellschaft, die platten Frohmut zur Pflicht erklärt. Und wirklich, die Teufelsfratzen wirken menschlicher als alle „Clearasil“-Zombies  der Gegenwart.  

Mag unsere Zeit durch materielle Maßlosigkeit geprägt sein, in spiritueller Hinsicht ist sie bescheidener als jede Epoche zuvor. Hölle – das ist heute die neurobiologische Deutung des Todes als ewige Vernichtung, als finsteres Nichts. Die leiseste Hoffnung auf Jenseits und Fortbestand, ganz gleich nach welcher Transformation, erscheint da schon als „Himmel“.  

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